129. Jahrgang ' Nr. 150
Dienstag, den 30. Juni 1936
Unterhaltung
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
Sklt-Heidelberg, ©st ‘Feime.
Von Hans Thielmann.
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VI.
Ein Abend auf Generalprobe.
Scheppernd hallen 10 Schläge auf dem Tor
turm in den Abend hinein, als wir den weiten
Raum der Spielfläche betreten. Die Schein
werfer von den großen Beleuchterlogen am
Rupprechtsbau und am Königssaal streuen
mattes, giftgrünes Licht über den weiten Ra
sen. Wir befinden uns in der letzten Probe des
Kleistschen Dramas „Kätchen von Heilbronn",
das Richard Weichert nicht als pomphaftes
Ritterschauspiel, sondern mehr als ein Mär
chen inszeniert. Fern in einer Ecke leuchtet das
spärtliche Licht einer Köhlerhütte. — Pferde
getrappel. Man schleppt gefangen Kunigunde
von Thurneck herbei. Und wieder rasseln die
Rüstungen von Roß und Reiter, diesmal aus
der Tiefe des Schlosses. Graf Wetter v. Strahl
reitet mit seinen Mannen in das Rund eines
Waldangers ein. Ich höre eine bekannte Stim
me hinter mir, die meint, daß es heiß wäre
und man trinken gehen müßte. Ich drehe mich
um,' richtig, es ist Heinrich George, der in der
kommenden Woche aus dem Fenster neben der
Brunnenhalle seine historische Antwort des
Götz herausrufen wird. Eine Begleitmusik
setzt ein. Die fast choralartige Musik versetzt
uns in eine leichte Melancholie. Und dann
flammt das Licht wieder auf, verstärkt, alles
beleuchtend im weiten Rund des Schloßhofes.
Bon der Höhe des Ottheinrichs-Baus und aus
der Tiefe der Kellergewölbe des Schlosses tre
ten Mönche hervor — eine lange Schlange
weißer Gestalten. Hunderte gleiten schemen
haft über die Bühne und verschwinden langsam
hinter Klostermauern. Das Licht wird abge
schwächt,' aus verschleierndem Grün tritt Küt-
chen (Angela Salloker) und ihr Vater (Walter
Kottenkamp). Und dann später — ein chaoti
scher Wirbel fliehender und stürzender Men
schen, eine ängstliche Stille nach dem Einfall
der Mauern, untermalt von einer leisen Be
gleitmusik und dem Gesang der Himmlischen,
während auf dem oberen Sockel des Otthein-
richs-Baus feengleich Engel in den Brand
gleiten. Und über allem Zauber dieses Mär
chenliebesspiels — schwarz, schweigend die
laue Sommernacht. Wir betreten leise den
Königssaal. Dort ist Parallelprobe der
„Minna". Soeben tritt Käte D o r s ch als Frl.
v. Barnhelm auf. Auf einer der vorderen
Bänke sitzt G r ü n d g e n s, der den „Riccaut"
geben wird, und unterhält sich mit Albert
Florath, dem Spielleiter dieses Lustspiels
und von Shakespeares „Was Ihr wollt". Eine
Melodie der deutschen Seele wird in den
nächsten Tagen auf diesem romantischen Fleck
chen Erde klingen, werden sich Goethe und
Kleist gestalten in unverwechselbarer Klar
heit, umrauscht von Strom, Berg, Wald und
Himmel, von Sage, Märchen und Geschichte
uns offenbaren.
Alt-Heidelberg, Du Feine...!
Vor 200 Jahren wurde das schicksalkundigste
Schloß des Reiches von den Pechkränzen und
Minen räuberischer Eindringlinge ausge
brannt — und heute geben die Ruinen des
Ottheinrichsbaues laut Zeugnis als geschicht
liches Mahnmal westdeutschen Grenzleides
ab. Alljährlich strömen Tausende von Auslän
dern zu dieser Stätte und geben sich dem Zau
ber deutscher Romantik hin. Der Dreiklang
von Berg, Tal und Fluß bildet die Grund
lage, die so zauberisch anspricht. Die Unmög
lichkeit der Lanüschaftsformung erhält hier ihre
günstigste Bedingung, am Neckartaltor auf
kleinem Raum begrenzt zu sein. Hier auf den
Höhen wuchten in dem deutschen Menschen
erhabene Gedanken, hier im Tal wird ihm zum
Bewußtsein kommen, daß Tiefen von ihm
Werk und Tat erheischen, und der Fluß wird
ihm das ewigwechselnde Leben widerspiegeln.
Auf dem südwestlichen Eckpfeiler des Odenwal
des auf der Höhe des steil aus dem grünen
Flußbett des Neckars aufsteigenden Heiligen
Bergs steht Deutschlands schönste Kultstätte
einer neuen Zeit. Stätte der völkischen Ge
meinschaft, deren landschaftliche Lage einzig
artig ist, denn einerseits führt der Blick von
den Zufahrtsstraßen zur Thingstätte hinüber
zu den ehrwürdigen Ruinen des Schlosses,
saugt sich in die Bergketten fest, andererseits
weitet er sich durch die breitausladende Tief
ebene des Rheintales und läßt verschwommen
die Silhouette des Speyerer Domes erkennen.
Heidelberg, die Stadt deutschen Geistes, die
jedem Großen der deutschen Geschichte ihren
Atem einflößte, hat die Jubelfeier ihrer Alma
mater nun abgeschlossen. Wie von jeher wird
sie zukünftig auf kulturellem Posten stehen,
wird immer Deuterin deutschen Schicksals sein
und jeden, der in ihren Mauern weilt, durch
ihre landschaftlichen Reize beglücken. Um diese
Stadt und um ihre Universität wurde oft ge
kämpft, und oft war mit dem Schicksal Heidel
bergs der ewige Kampf Deutschlands um seine
Freiheit blutig verknüpft.
Wohl dem Studenten, der das Glück hat,
seine Studienzeit in dieser Stadt verweilen zu
dürfen. Ihm werden, wie den Generationen
aller Jahrhunderte, die Heidelberg besangen,
die Tage unvergeßlich sein. Alt-Heidelberg,
Stadt der Schönheit, deutschen Geistes und
deutscher Geschichte gestern, heute und immer
dar!
Bunte Welt
Das teure Gewand.
Die Vorbereitungen für die im nächsten
Jahre in London stattfindenden Krönungs
feierlichkeiten haben bereits in großem Um
fange eingesetzt. Besonders die vielen Eng
länder, die in irgendeiner Form an den Feier
lichkeiten direkt beteiligt sind, kümmern sich
jetzt schon darum, sich die richtigen Gewänder
zu beschaffen. Eine Spezialfirma, die sich in
London hauptsächlich mit der Herstellung von
Peers-Gewändern befaßt, und eine zehn Krö-
nungsfeierlichkeiten umfassende Erfahrung
aufweisen kann, hat jetzt an die englischen
Peers einen Prospekt für Krönungsgewänder
verschickt. Das vorgeschriebene Gewand, aus
Samt und Seide und reich mit Hermelin be
setzt, kostet beinahe 1200 Mark. Eine weniger
gute Qualität gibt es dann schon für 1000 und
800 Mark. Unter 400 Mark aber kommt keiner
der Peers weg, und er muß bei dieser „billig
sten" Ausführung bereits in Kauf nehmen,
daß der Hermelinbesatz nur eine Imitation
ist. Jedenfalls sind die Preise dieser Gewänder
recht beachtlich, besonders, wenn man bedenkt,
daß die Kleider nur einmal getragen werden.
Seit wann gibt es Regenschirme?
Während der Gebrauch von Sonnenschirmen,
wenigstens in Europa, erst vor etwa 400 Jah
ren aufgekommen sein soll, scheint das Tra
gen von Regenschirmen erheblich älteren Da
tums zu sein. Nach den Aussagen Sachver
ständiger hat schon Salmanassar II. von Assy
rien vor etwa 8000 Jahren bei seinen Spazier
gängen bei schlechtem Wetter einen weißen,
rosenrot umränderten Schirm benutzt.
Tönende Medizin
König Friedrich I. von Württemberg besaß
zu seiner Unterhaltung einen sogenannten
„Spielstuhl", eine der mechanischen Spielereien,
wie sie zu Ende des 18. Jahrhunderts beliebt
waren: Wenn man sich auf dieses Möbel
setzte, und auf einen Knopf drückte, schaltete
sich ein Uhrwerk ein, das eine Reihe der da
mals viel gesungenen Volkslieder spielte.
Nun war der König von Württemberg un
geheuer dick und litt öfter an Anfüllen, die
seine Umgebung ernsthaft für sein Leben
befürchten ließen. Eines Tages bekam der
König wieder einen seiner Erstickungsanfälle.
Man legte ihn auf sein Bett und trommelte
die Leibärzte zusammen. Neben dem Bett
stand der bewußte Spielstuhl. Der erste könig
liche Leibmedikus ließ sich auf dem Sessel
nieder um den Kranken zu beobachten. Ver
sehentlich kam er mit dem Knopf, der das
Spielwerk auslöste, in Berührung und plötz
lich erklang die Melodie des dazumal sehr be
kannten Volksliedes „Du bist der beste Bru
der nicht "
Alle Anwesenden waren starr. König
Friedrich der Dicke aber mußte trotz seines
üblen Zustandes so herzlich und andauerrrd
lachen, daß sich die Erstickung löste und sein
Leben für diesmal wieder außer Gefahr war.
12. Jahrgang
Rendsburg, 30. Juni
12. Jahrgang
Gottvertremerr
Wenn ich betrübt und traurig bin,
Und Schmerzen wo mich quälen,
So eil' ich zu der Mutter hin,
Mein Leid ihr zu erzählen:
Die Mutter schaut so freundlich drein,
Daß ich nicht mehr kann traurig sein,'
Sie weiß selbst wider Willen
Die Tränen mir zu stillen.
Zum Vater flücht' ich mich geschwind,
In Aengsten und in Schrecken,'
Ich weiß, der wird sein schwaches Kind
Mit starken Armen decken:
Der Vater ist mir Schutz und Wehr,
Er duldet's willig nimmermehr,
Daß man an seiner Seite
Mir Ungemach bereite.
Doch Mutter sagt: Gott liebt mehr noch
Als Mütter ihre Kleinen,'
Und Vater spricht: Am besten doch
Schützt Gott der Herr die Seinen.
Ei, so vertrau' ich, Herr, auf dich
Und glaube fest, du führest mich,
Wär's auch auf dunkeln Wegen,
Doch immerdar zum Segen.
A. H. W a l t e r.
Gebt acht ans mten Wert
Vor ein paar Monaten wurde in unserer
Stadt eine Ausstellung gezeigt, die hieß
„Das junge Deutschland". Sie wollte zeigen,
wie deutsche Jugend lebt und strebt, wie sie
ringt und leidet, was ihr heilig ist und wie
sie ihren Weg sucht.
Die Gestalt eines vorwärtsstürmenden
Jünglings mit mächtigem Glieöerbau voll
jugendlicher Kraft und Schönheit war zum
Wahrzeichen der Ausstellung erwählt wor
den.
Ein Stück der Ausstellung aber zog meine
Aufmerksamkeit besonders an. An einer
großen Wand war durch Maßstäbe von Holz
angezeigt, wieviele Jugendliche (von 16 bis
20 Jahren) unser Volk in den Jahren von
1913 bis 1927 gehabt hat. Das längste
Zeichen stand bei 1913 und bedeutete eine
Million neunhunderttausend, das kürzeste,
bei 1919 oder 1920, hieß sechshunderttausend,
und das letzte, bei 1927, bedeutete eine
Million dreihunderttausend.
Wer lesen und verstehen konnte, der las
aus diesen Zeichen, daß Deutschland vor
dem Kriege fast zwei Millionen Jungvolk
zählte, nach dem Kriege kaum ein Drittel
davon. Nur langsam ist die Zahl in fast
zehn Jahren wieder auf zwei Drittel der
alten Höhe gewachsen.
Die stumme Sprache verkündet gewaltig
da ist.),' Käte Strycker-Rendsburg (Erika
Greve schrieb mir heute ebenfalls, daß Ihr
beide verwandt seid. Ich kann mir denken,
daß Du immer gern in dem hübschen
Ascheffel bist.); Else Kühl-Büdelsdorf (Das
Datum für die Schulausflüge wird ja lange
vorher festgesetzt. Schade, wenn es so hin
trifft, daß ein Klassenausflug verregnet, zu
mal, wenn man mit dem Rad unterwegs
ist.),' Hanna Delfs-Trotzenburg-Steenfeld
(Vielen Dank für die Blumengrüße. Mut
ter hat sich zu den vielen Blumen am
Muttertag sicher sehr gefreut. Aber nicht
nur an einem Tag sondern tagtäglich soll
man lieb und aufmerksam zur Mutter
sein.),' Katrine Schmiöt-Brammer (Mit
Artur Liet hast Du Dich klein wenig ver
spekuliert. Sein Lieblingsfach heißt etwas
anders, wie Du unter Nr. 4 nachlesen,
kannst.),' Annemarie Gosch-Hohn (Jede
kleine Dcern, die nett und sauber schreibt,
darf gern die Lösungen einschicken, auch
wenn sie unter 10 Jahren ist.),' Hans-
Claus Bracker-Seedorf (Man merkt, daß
Du größer wirst. Deine Handschrift bessert
sich wesentlich. Schade, daß Deine Zeit nicht
zu einem Aufsatz über Deine Harzerlebnisse
reichte.),' Paula Kaddatz-Hohn (Kann mir
denken, daß Dir der Dienst im BDM.
Freude macht. Sieh mail zu, daß Du auf
dem Sportfest in Rendsburg gut ab-
I schneidest.)- Anni Grabbe-Bünge (Eine
Radtour von Bünge nach Kiel, einerlei,
das ist eine Leistung für Schuljungs. Du
hast natürlich vernünftig getan, Dir eine so
große Anstrengung nicht zuzumuten.),' Else
Stange-Hohn (So, weißt Du auch bestimmt
Bescheid? Sag mir gelegentlich mal, auf
welchen Tag Du gekommen bist.),' Anneliese
Danullis-Schachterbusch (Bleibe im Lande,
dann kommst Du zurecht, auch beim Rätsel
lösen. Die Maikäfer haben dies Jahr nicht
ihr Benefiz,' das nächste Maikäferjahr ist
1938),' Marianne Reimer-Schülldorf (Ich
danke Dir für Deine freundlichen Wünsche
und erwidere sie ebenso.),' Jürgen Sievers-
Hamdorf (Ich habe mich gefreut, daß Du
mich neulich in Hamdorf aufsuchtest. Wir
beide haben uns doch nett etwas erzählt,
nicht wahr?),' Erna Storm-Hohn (Ich sehe
förmlich Dein erleichtertes Gesicht, als Du
schriebst: „Mit dem Großreinmachen sind
wir fertig. Das war aber 'ne Arbeit!),' Herta
Seltz-Neubörm (Ich danke Dir für die hüb
sche Karte aus Hagenbecks Tierpark. Der
Besuch lohnt sich wirklich.),' Erna Frahm-
Bargstall (Na, ist der neue Kuhstall jetzt
fertig? Was hast Du denn dabei getan?
Wohl bloß zugeguckt. Aber beim Rüben
pflanzen hast Du gewiß tüchtig heranmüssen.
Glücklicherweise hatten wir nettes Pflanz-
wetter.),' Anne Marie Greve (Dir und Dei
nen Eltern guten Erfolg in Hamburg. Aber
Milch und Butter wird ja täglich gebraucht.
Fein, daß wir durch die „Landeszeitung"
miteinander in Verbindung bleiben.).
Die Lösungen der heutigen Rätsel müssen
bis spätestens 5. Juli in meinem Besitz sein,
damit ich die Liste vor Beginn der Ferien
abschließen kann. Vom 10. Juli bis 10. Au
gust fahre ich, so Gott will, in ein Bad, um
etwas wieder für mein Herz zu tun.
Und nun noch eins. Zwei, ein Junge und
ein Mädchen, haben sich schriftlich bei mir
beschwert, daß „Kinderland" so lange ausge
blieben ist, und manche haben vermutlich im
stillen gemurrt. Dazu möchte ich sagen, daß
die Verzögerung nicht mein Verschulden ist.
Ihr müßt Euch in dieser Angelegenheit
künftig direkt an den Verlag der „Landes
zeitung" wenden. Aber ich weiß schon: das
„mögt" Ihr nicht, wie mir mal jemand sag
te. Und doch wäre es sehr erwünscht, wenn
klein und groß oftmals schrieben, was ihnen
an der Zeitung besonders gefällt und was
nicht. Der Verlag ist dankbar für Anregun
gen und wegweisende Kritik und würde nach
Möglichkeit den Wünschen nachkommen.
Auch, wenn „Kinderland"-Leser sie äußern.
Herzlichen Dank noch allen, die mir
Pfingstkarten sandten!
Euer Onkel Jakob.
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Immer praktisch
Der Lehrer har sich des längeren darüber
ausgelassen, wie gefährlich es sei, Gegen
stände aus dem Fenster zu werfen und
fragt plötzlich: „Warum darf man keine
Flaschen aus dem Fenster werfen?" „Weil
man dafür 5 Pfennig bekommt", antwortet
Fritz.
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Briefkasten
Lieschen H. in V. bei Garding. Du ver
stehst fein zu schildern, und Deine beiden
kleinen Prosastücke sollen gelegentlich in
„Kinderland" gedruckt werden. Schade, daß
Du den Rhythmus nicht beherrscht. Sonst
hätte ich auch die beiden Gedichte gebracht.
Denn sie sind inhaltlich ebenfalls hübsch.
„So bildet ein Talent sich in der Stille".