Full text: Newspaper volume (1937, Bd. 3)

Berge. Und da ist zuerst das Nrefen- 
gebirge, das einzige Mittelgebirge, das 
über die Grenzen des Baumwuchses hinaus 
ragt, das mit seiner eigenartigen Landschaft 
die Besucher immer wieder anzieht. In einer 
Mehrtagsfahrt kann man dieses Gebirge er 
fassen, mit den schönen, alten Städten Hirsch 
berg, Landeshut und Schmiedeberg als Aus 
gangspunkten, und mit einer Fahrt hinauf 
nach Krummhübel-Brückenberg und dann am 
ganzen Riesengebirge entlang nach dem an 
deren Hochtal, nach Schreiberhau und weiter 
ins Jsergebirge nach Bad Flinsberg, vorüber 
an den romantischen Talsperrenseen und ihren 
Burgen bis zur Renaissancestadt Görlitz. 
Auf dem Wege zu diesem weiterenZiel lie- 
ger Gebirge und das Eulengebirge mit ihren 
Gebirge und das Eulengebirge mit ihren 
Laub- und Nadelwäldern, ihren Burgen, 
Schlössern und Bädern. Hier sind als Stand 
quartiere die Bergstadt Waldenburg, Reicheu- 
bach unter der Eule und Langenbielau vorge 
sehen. Zwischen dem Zobtengebirge und dem 
Eulengebirge, dem Einzelberg, der aus der 
Ebene aufsteigt, dem Waldenburger Gebirge 
und dem Eulengebirge liegt die schöne alte 
Stadt Schweidnitz mit ihren sehenswerten 
Gotteshäusern. Ein drittes Wanderziel, das 
zu vieltägigcr Rast winkt, ist die rings von 
Bergen umschlossene Grafschaft Glatz, Schle 
siens Bäderland, wo neben den altertümlichen 
Städten Glatz und Habelschwerdt die bekann 
ten Heilbäder Altheide, Landeck und Reinerz 
als Standquartiere dienen. Wer die gewal 
tige Landschaft der Arbeit und des großen 
Grenzlandschicksals kennenlernen will, der be 
nutze die Gemeinschaftsfahrt nach Ober- 
schlesien, der besuche den heiligen Berg 
dieses Landes, den Annaberg, um den deutsche 
Söhne aus allen Gauen gekämpft haben. Un 
vergeßlich ist der Eindruck, den man beim Be 
such dieses einsam aus der Ebene aufragen 
den Berges hat. 
Dieses Gebiet ist nicht nur eine Industrie 
landschaft, wie oft angenommen wird- es ist 
ein Himmelsstrich vieler unbekannter Schön 
heiten. Zu den großartigsten Sehenswürdig 
keiten Schlesiens gehört Kloster Leubus, der 
gewaltigste Barockbau des Festlandes. Ueber 
den Wipfeln des Oderwaldes ragt dieses Bau 
werk, angefüllt mit reichen Schätzen der Pla 
stik und Malerei. Diese Tagesfahrt verbindet 
man mit einem Besuch von Liegnitz, der schön 
sten Garten- und Barockstadt Schlesiens, der 
Stadt in der historischen Schlachtenebene, vor 
der sich unweit der Klosterbau von Wahlstatt 
erhebt, an der Stelle, da der Mongolensturm 
zum Stehen kam. 
Die nächste Umgebung Breslaus lädt mit 
historischen Stätten und mit der Schönheit 
und Eigenart ihrer Landschaft zu Halbtags 
fahrten ein. Das Schlachtfeld von Leuthen mit 
seinem bekannten Museum, Blüchers Grab 
und sein Schloß Krieblowitz mit dem Reise 
wagen Napoleons sind beqnem auf einer 
Halbtagsfahrt zu besichtigen. Nach der Berg 
feste Silberberg, dem gewaltigsten Festungs 
ban, den Friedrich der Große zum Schutze 
Schlesiens am Eingang zu den Glatzer Ber 
gen anlegen ließ und in dessen Kasematten 
Fritz Reuter gefangensaß, wird zu einer Ge- 
öächtnisstunüe für den Dichter der „Strom- 
tid" und der „Festungstid" eine Halbtagsfahrt 
veranstaltet. 
Doch nicht nur Schlesiens Berge, sondern 
auch die Landschaft Nordniederschlesiens sind 
des Reizes voll. Hier führt der Weg über die 
alte Oderfeste Glvgau mit den reichen Denk 
mälern ihrer Vergangenheit nach dem Schle 
siersee, dem größten Binnensee des Landes, 
nach Sagau, der Stadt mit dem historischen 
Schloß und einer der schönsten Parkanlagen, 
und nach Grünberg, dem nördlichsten Wein 
baugebiet der Welt. 
Wer aber weniger Zeit zu verwenden hat, 
um sich das Land genau anzusehen, der kann 
auch in Tagesfahrten reiche Gelegenheit fin 
den. Einzelheiten dieser vielfältigen Landschaft 
aufzusuchen, und er wird jedesmal einen um 
fassenden Eindruck von der Eigenart und der 
Schönheit Schlesiens mit nach Hause nehmen. 
Schlesien ist ein Land der Burgen, das ahnen 
die wenigsten. Eines der schönsten Vorgebirge 
ist das Bober-Katzbach-Gebirge, in dem sich 
Burg an Burg auf engem Raum erhebt im 
Burgenland von Bolkenhain. Auch nach Ober 
schlesien führen eindrucksvolle Tagcsfahrten. 
von Agricola (Oberleutnant Bauermeister). 
Copyright by Vorhut-Verlag 1983 Otto Schlegel G.m. 
b.H., Berlin SW. 68, Heüemannstraße 13. 
(Schluß.) 
„Nehmen Sie Platz, Herr Oberleutnant 
Bauermeister", begrüßte sie mich in gebroche 
nem Deutsch. „Sie deuteten schon gestern an, 
daß Sie mich kennen", sagte ich. „Woher?" Da 
lachte sie und rückte mich aufs Sofa. Mein 
Mißtrauen verstärkte sich, und ich entschloß 
mich, scharf aufzupassen. Es waren herrliche 
Leckereien, die sie mir vorsetzte,' der Wodka 
und der Sekt schmeckten vorzüglich. 
Deutschlands. Ich bin nun beauftragt, Ihnen 
für einen ausführlichen diesbezüglichen Be 
richt zehntausend Dollar auszuhändigen und 
Sie in unsere Dienste gegen festes Monats 
gehalt einzustellen. — Was sagen Sie dazu?" 
„Was ich dazu sage? — Daß ich es für eine 
große — sagen wir — Unhöflichkeit von 
Ihnen halten würde, wenn Sie wirklich ernst 
glauben könnten, mein Charakter ließe mich 
ein solches Angebot überhaupt nur erwägen!" 
„Ist das Ihr letztes Wort? Sie werden es 
vielleicht sehr bereuen. Vielleicht darf ich Sie 
an den Fall Mjassojeöoch erinnern? Das 
Todesurteil gegen Sie besteht rechtskräftig. 
Soll es vollzogen werden?" 
„Erstens war der Oberst Mjassojedow nie 
mein Agent, und zweitens denkt die Sowjet- 
regierung gar nicht daran, dieses Todesurteil 
an mir zu vollstrecken", antwortete ich gleich 
mütig. 
„Wenn ich Ihnen aber sage, Herr Oberleut 
nant, daß Sie in diesem Fall dieses Zimmer 
nicht lebend verlassen? Daß alle Maßnahmen 
hierfür getroffen sind?" 
„Ich denke, Sie sind Tscheka-Agentin und 
nicht Agentin der Entente? Sie wagen sehr 
viel, wissen Sie das?" 
Ehe ich noch in die Tasche nach dem Revolver 
greifen konnte, wurde mir von hinten — aus 
den Falten der schweren Portiere heraus — 
eine Schlinge um den Hals geworfen. Ich ver 
lor die Besinnung. Wie aus weiter Ferne hörte 
ich nur noch mehrere Schüsse kurz hinterein 
ander... 
„Darf ich mit Ihnen jetzt einmal geschäftlich 
sprechen?" begann sie plötzlich. „Geschäftlich?" 
fragte ich verwundert. „Es handelt sich um fol 
gendes: Sie haben der Sache der Entente 
schweren Schaden zugefügt. Das wissen Sie 
selber am besten. Ihr einst großes Vermögen 
in Rußland haben Sie restlos verloren. Sie 
sind Nachrichtenoffizier der Obersten Heeres 
leitung und als solcher natürlich gut orien 
tiert über die allgemeine militärische Lage 
AIs ich die Augen wieder aufschlug, lag ich 
auf einem Sofa. Mit Tränen in den Augen 
kniete die kleine Prinzessin vor mir. Hinter 
ihr standen der gute Petrowski und der Kom 
missar Antonow. Langsam erst fand ich mich 
zurecht. 
„Was ist?" fragte ich. Die Prinzessin legte 
ihr Köpfchen auf meine Brust und schluchzte. 
„Kurz nachdem Sie fortgingen", berichtete 
Kommissar Antonow, „kam ich Sie zu besu 
chen. Die kleine Prinzessin erzählte mir kurz, 
wohin Sie gegangen waren und bat mich auf 
den Knien, Ihnen zu folgen. Ich hätte es auch 
sowieso getan, da die Selenina bei uns schon 
seit einiger Zeit als Entente-Agentin in Ver 
dacht stand. Die Läden waren nicht dicht ge 
schlossen, und durch den breiten Spalt sah ich, 
wie Ihnen ein Mann, der hinter der Portiere 
gestailden hatte, eine Schlinge um den Hals 
warf und sie zuzog. In diesem Augenblick schoß 
ich durch die Scheibe und zerschmetterte die 
linke Hand der Tschekistin. •— Ja, Herr Ober 
leutnant, die kleine Prinzessin ist Ihre Le 
bensretterin!" 
Ich setzte mich auf und sah mich um. Auf 
dem Tischtuch war eine große Blutlache. Auf 
dem Sofa saßen gefesselt die schöne Tänzerin 
und der Mann, der mir die Schlinge um den 
Hals geworfen hatte. Ich stand aus, aber die 
kleine Prinzessin mußte mich stützen, so schwach 
war ich noch. 
Auf mein Abschiedsgesuch hin drahtete mir 
mein Chef aus dem Großen Hauptquartier: 
„Der Generalfeldmarschall v. Hindenburg ist, 
gewiß nicht leichten Herzens, an der Spitze der 
Truppe geblieben, um ein namenloses Unglück 
von Deutschland abzuwenden und die Truppen 
in die Heimat zurückzuführen. Er bittet die 
Offiziere, seinem Beispiel zu folgen." 
Damals hat mancher dieses kritisiert. Heute 
dürfte wohl keiner mehr im Zweifel darüber 
sein, daß der Generalfeldmarschall durch diesen 
Entschluß Deutschland vor dem völligen Zu 
sammenbruch nach russischer Art rettete. 
In tiefer Ehrfurcht und Dankbarkeit geden 
ken wir, die wir die Ehre hatten, seinem Stabe 
anzugehören, des großen Mannes, dem es ver 
gönnt gewesen ist, nach jahrelanger dunkler 
Nacht, als treuer Soldat auf dem verantwort- 
tungsvollen Posten ausharrend, die nationale 
Wiedergeburt Deutschlands am 30. Januar zu 
vollziehen. 
— Ende.— 
Ģê? Şşîâîîê / Kriminalroman 
von Josef Kohlhofer 
Cvpyrlghi by Prometheus-Verlug, Dr. Ctchacker, 
Gröbenzell bei München. 
73) Nachdruck verboten. 
In der Nähe des Tatortes gelang es mir, 
mit Jnspekor Gibbs zusammenzukommen,' er 
war der einzige Mitwisser. • 
Wardsfield nahm mich später als meinen 
eigenen Mörder mit offenen Armen auf, und 
ich genoß als Jamesworth von Anfang an 
sein volles Vertrauen. Unterdes verriet Lucy 
Sillborik, von glühendem Haß gegen den 
Mörder ihres Bräutigams beseelt, den Stand 
ort der sogenannten Garde des Grauen — 
eine Ziegelei. 
Fräulein Wellington zog zu der gleichen 
Zeit zu ihrem Onkel, der endgültig nach Lon 
don übergesiedelt war. Sie wußte nicht, daß 
Anny, das Hausmädchen, eine weibliche Agen 
tin der Polizei war und, als der Versuch 
unternommen wurde, sie neuerdings zu ent 
führen, die falsche Krankenschwester so lange 
aufhielt, bis es Scotland Yard verständigt 
hatte und annehmen konnte, jeden Augenblick 
das Polizeiauto um die Ecke biegen zu sehen. 
Die von drei Abteilungen aufgenommene 
Verfolgung scheiterte schließlich dadurch, daß 
die Verbrecher einen Panzerwagen und künst 
lichen Nebel verwendeten. Zu diesem Zeit 
punkt verbarg mich Wardsfield bereits in der 
Ziegelei vor dem'Zugriff der Polizei. Ich be 
freite das Mädchen aus seinen Händen und 
brachte es in das Innere des Panzerwagens, 
konnte mich aber nicht mehr mit Inspektor 
Gibbs in Verbindung setzen, der zwar schon 
seine Instruktionen erhalten hatte, aber zu 
deren Ausführung meinen Befehl abwartete. 
Ständig lag ich vor dem unterirdischen Gang 
— er verband Bests Haus mit der Ziegelei — 
auf der Lauer, und es glückte mir endlich, den 
Grauen zu beobachten, wie er in das Maschi- 
ncnhaus huschte, um dort mit Wardsfield zu 
sprechen. Bei seiner Rückkehr stäubte ich aus 
meinem Versteck eine ätzende Säure auf seine 
Schuhe, deren Spuren später auf den Schuhen 
des Majors deutlich zu sehen waren. 
Nachdem Inspektor Gibbs bei seinem Be 
such in der Ziegelei überrascht wurde, befreite 
ich ihn in der Maske des Grauen und suchte dienen. 
dann mit ihm das Innere des Panzerautos 
zu erreichen. Alles weitere war zwischen den 
stählernen Wänden gefahrlos und führte ohne 
weitere Gefährdung unseres Lebens zu einem 
vollen Erfolg. Auf unserem Weg in die so vor 
züglich getarnte Garage fing ich Milton ab 
er wurde von dem Grauen erschossen, und 
GibW und ich sollten die nächsten Opfer sein. 
Mein Schutz traf ihn aber eher. Chester-Crew 
verbiß die Schmerzen, konnte aber seinen Zu 
stand vor den Augen des Dienstmädchens, das 
mir kurz vor der Verhaftung die Verletzung 
des Grauen bestätigte, nicht verbergen. 
Der Graue hatte sämtliche ihm zur Last ge 
legten Morde eingestanden und wird dafür die 
gesetzliche Sühne zu tragen haben." 
Mit diesen Worten schloß Gerson seinen 
ausführlichen Bericht. 
„Gestatten Sic eine Frage, Kommissar?" 
ließ sich der Redakteur des „Daily Mail" ver 
nehmen. „Wie ermordete Crew seine Opfer 
Bennett, Orwell und Grimsbay?" 
Der Gefragte bedachte sich eine Weile. 
„Er verabreichte ihnen Blausäure, die mit 
einem dünnen, besonders präparierten Gela 
tinemantel umgeben war, also in Form von 
Pillen. Bei der Herstellung des Schutzmantels 
berechnete er genau die Einwirkungszeit der 
Verdauungssäfte, und so kam es, daß Bennett 
und die anderen die Wirkung erst verspürten, 
nachdem der Schutzmantel durch die Magen 
säfte aufgelöst war und austreten konnte. Wie 
er seinen Opfern diese weichen, kleinen Ku 
geln eingab, meine Herren, ist auf raffinierte 
Art geschehen. Zuerst suchte er die Bekannt 
schaft des Betreffenden als Chemiker zu ma 
chen, indem er sehr seriös auftrat und von ei 
ner Erfindung auf dem Gebiete des Gesund 
heitswesens sprach. Er erwähnte, daß er zur 
Ausnützung seiner Erfindung einen kaufmän 
nischen Sozius benötige, der lediglich seine 
Arbeitskraft in das Unternehmen geben soll 
te, während er für hinreichende Barmittel 
sorgen werde. Für den pensionierten, zur 
Untätigkeit verdammten Offizier des alten 
Heeres war das eine freudig begrüßte Ge 
legenheit, sich zu betätigen und Geld zu ver- 
Mit beredten Worten pries Crew-Best-Che- 
ster seine das Gesamtwohlbefinden des Men 
schen außerordentlich steigernde chemische Er 
findung. Er ging soweit, dem zukünftigen So 
zius eine Probe davon anzubieten, die ah 
nungslos geschluckt wurde. Bennet und Or 
well träumten dabei von Reichtum und Glück 
und hatten den Tod im Leibe. 
Bei Grimsbay war die Sache nicht anders. 
Lediglich, daß er dort nicht als Unbekannter 
auftrat, sondern als Best wenig Worte benö 
tigte, um dem gewinnsüchtigen Menschen die 
Falle zu stellen. Das geschah in Sallys Salon, 
zwei Stunden bevor Grimsbay zu der Zusam 
menkunft im Tabaksspeicher eilte. 
Damit bin ich am Ende, meine Herren!" 
„Ich habe ausnahmsweise die Beförderung 
Hulls zum Oberinspektor veranlaßt und auch 
Captain Blowden und einige andere nicht 
vergessen", sagte der Minister lächelnd. „Hof 
fentlich sind Sie damit einverstanden, Inspek 
tor Gibbs muß noch eine Weile warten." 
„Sir, damit machen Sie mir eine große 
Freude. Meine Kollegen haben es verdient, 
wenngleich sie nur ihre Pflicht taten!" entgeg- 
nele Gerson erfreut. 
„Sie haben der Oeffentlichkeit einen großen 
Dienst erwiesen und gezeigt, wie recht ich han 
delte, Sie auf diesen Posten zu stellen. Wir 
sprechen uns noch, habe leider jetzt nicht mehr 
viel Zeit!" 
Der Kommissar faßte die letzten Worte als 
einen zarten Wink auf. Er erhob sich und ver 
abschiedete sich mit einem „Guten Tag, Sir!" 
Schon an der Tür, kam erst der Gegengruß 
des Ministers, und Gerson wußte nicht, ob er 
recht gehört hatte. 
„Guten Tag, Herr Oberkommissar!" 
Es war drei Wochen später. Bäume und 
Sträucher prangten bereits im grünen Schmuck 
der Blätter, ein herrliches Frühlingswetter 
zauberte in die Herzen der Menschen ein son 
derbares Sehnen, der Himmel wölbte sich wol 
kenlos wie eine blaue Kuppel über die Stadt, 
und die Sonne, die langsam zum Zenit empor 
kletterte, verkündete mit wärmenden Strahlen 
den Anbruch einer neuen Jahreszeit. 
Von der City aus bewegte sich in gemäch 
licher Fahrt ein Wagen, an dessen Steuer 
Inspektor Gibbs saß, dem vornehmsten Ken 
sington zu. Stur hier und da klang gedämpft 
der Ton der Hupe in den Lärm des Verkehrs,' 
fast geräuschlos glitt der Wagen aus dem wei 
chen Asphalt dahin. 
Ein schwerer Seufzer, aus dem Munde des 
Inspektors kommend, entlockte Gerson ein 
leichtes Lächeln. 
„Sind Sie krank?" fragte er teilnehmend. 
„Mary macht mir Sorgen, Captain", gestand 
er kleinlaut. „Sie will jetzt mit einem Male 
mit Olympiaschnelligkeit heiraten. Ich bin ein 
bedächtiger Mensch und dachte, das hätte Zeit, 
bis ich Kommissar bin, von wegen eines aus 
reichenden Gehalts für Familiennachwuchs 
und so!" 
„Und was meint Ihre Braut dazu?" 
Gibbs ließ betrübt den linken Richtungs 
anzeiger herausspringen und bog elegisch in 
die Kurve. 
„Mary hat Angst, bis dahin eine ursteinalte 
Frau mit Schlotterhaar und wackligen Zähnen 
zu werden. Sie hat keine Lust zu warten, bis 
Gicht und Zipperlein bei ihr auf Miete woh 
nen, sagt sie, und das ist ungerecht von ihr!" 
Gerson schmunzelte. 
„Ich werde morgen das Aufgebot bestellen", 
erzählte Gibbs weiter, „und ihren Wunsch er 
füllen. Mary ist sonst ein gutes Mädchen, und 
kochen kann sie, daß dem Lord-Mayor von 
London das Wasser im Munde zusammen 
laufen würde, wäre er bei uns zu Gast. Kol 
lege Hull stellt sich als Trauzeuge zur Ver 
fügung und freut sich schon auf das Hochzeits 
mahl. Und nun hätte ich eine große Bitte!" 
Er warf einen kurzen, forschenden Blick auf 
seinen Vorgesetzten und fuhr dann mutig fort: 
„Mary und ich würden einen zweiten Trau 
zeugen benötigen und..." 
„Rechnen Sie bestimmt auf mich,' es wird 
mich freuen, Ihrer Hochzeit beizuwohnen" 
antwortete Gerson herzlich. 
„Mary wird stolz sein wie eine Kammerfrau- 
wenn ich ihr das sage. Einen größeren Dienst 
hätten sie mir nicht erweisen können, Captain- 
„Es ist nur Selbsterhaltungstrîeb, wenn Ä 
diese beiden Menschen aus der Welt schaffe", 
fuhr Kommissar Antonow fort. „Ich muß an 
meine Familie denken. Gehen Sie doch bitte 
mit der kleinen Prinzessin einen Augenblick in 
den Garten. Ich komme gleich nach." Als wir 
an der Gartentür standen, knallte es — wir 
zählten sechs Schüsse. Kommissar Antonow 
trat aus dem Haus. 
„Sie sind gerichtet", sagte er. Die Prinzessin 
zuckte bei diesen Worten zusammen. An der 
Straßenecke warteten zwei Droschken, mit de 
nen Antonow gekommen war. „Fahren Sie 
mit der kleinen Prinzessin vor", erklärte er. 
„Ich folge." 
„Sie haben mir das Leben gerettet, Durch 
laucht", sagte ich zu ihr im Wagen und drückte 
ihr die Hand. „Warum?" 
„Warum?" flüsterte sie. „Weil Sic mich aus 
bitterster Not erretteten!" Wir saßen die 
ganze Nacht im Salon, bis der Morgen 
graute, und erzählten aus unserem Leben. 
Kommissar Antonow und Generalstabs 
hauptmann N. kamen am Vormittag, um sich 
von mir zu verabschieden. Meine Mission war 
erfüllt: Ich war über die militärische Lage in 
Rußland voll im Bilde. 
Abends fuhr ich mit der kleinen Prinzessin 
und Petrowski nach Reval zurück... 
Das wird der feinste Tag in meinem Leben! 
Am 6. November 1918 trafen wir in Reval 
ein. Der Tragödie letzter Teil wickelte sich ab. , 
In Kiel meuterte die Flotte. Soldatenräte 
bildeten sich nach russischem Muster. Der Kai 
ser dankte ab. Ein sogenannter „Rat der 
Volksbeauftragten" bildete sich mit Ebert an 
der Spitze. Ich konnte diesen Herren nicht 
dienen, die in meinen Augen die Schuldigen 
am Zusammenbruch Deutschlands waren, und 
reichte meinen Abschied ein. Dem Befehl des 
Generalfeldmarschalls folgend, verließ ich 
trotzdem nicht meinen Posten. 
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