Berge. Und da ist zuerst das Nrefen-
gebirge, das einzige Mittelgebirge, das
über die Grenzen des Baumwuchses hinaus
ragt, das mit seiner eigenartigen Landschaft
die Besucher immer wieder anzieht. In einer
Mehrtagsfahrt kann man dieses Gebirge er
fassen, mit den schönen, alten Städten Hirsch
berg, Landeshut und Schmiedeberg als Aus
gangspunkten, und mit einer Fahrt hinauf
nach Krummhübel-Brückenberg und dann am
ganzen Riesengebirge entlang nach dem an
deren Hochtal, nach Schreiberhau und weiter
ins Jsergebirge nach Bad Flinsberg, vorüber
an den romantischen Talsperrenseen und ihren
Burgen bis zur Renaissancestadt Görlitz.
Auf dem Wege zu diesem weiterenZiel lie-
ger Gebirge und das Eulengebirge mit ihren
Gebirge und das Eulengebirge mit ihren
Laub- und Nadelwäldern, ihren Burgen,
Schlössern und Bädern. Hier sind als Stand
quartiere die Bergstadt Waldenburg, Reicheu-
bach unter der Eule und Langenbielau vorge
sehen. Zwischen dem Zobtengebirge und dem
Eulengebirge, dem Einzelberg, der aus der
Ebene aufsteigt, dem Waldenburger Gebirge
und dem Eulengebirge liegt die schöne alte
Stadt Schweidnitz mit ihren sehenswerten
Gotteshäusern. Ein drittes Wanderziel, das
zu vieltägigcr Rast winkt, ist die rings von
Bergen umschlossene Grafschaft Glatz, Schle
siens Bäderland, wo neben den altertümlichen
Städten Glatz und Habelschwerdt die bekann
ten Heilbäder Altheide, Landeck und Reinerz
als Standquartiere dienen. Wer die gewal
tige Landschaft der Arbeit und des großen
Grenzlandschicksals kennenlernen will, der be
nutze die Gemeinschaftsfahrt nach Ober-
schlesien, der besuche den heiligen Berg
dieses Landes, den Annaberg, um den deutsche
Söhne aus allen Gauen gekämpft haben. Un
vergeßlich ist der Eindruck, den man beim Be
such dieses einsam aus der Ebene aufragen
den Berges hat.
Dieses Gebiet ist nicht nur eine Industrie
landschaft, wie oft angenommen wird- es ist
ein Himmelsstrich vieler unbekannter Schön
heiten. Zu den großartigsten Sehenswürdig
keiten Schlesiens gehört Kloster Leubus, der
gewaltigste Barockbau des Festlandes. Ueber
den Wipfeln des Oderwaldes ragt dieses Bau
werk, angefüllt mit reichen Schätzen der Pla
stik und Malerei. Diese Tagesfahrt verbindet
man mit einem Besuch von Liegnitz, der schön
sten Garten- und Barockstadt Schlesiens, der
Stadt in der historischen Schlachtenebene, vor
der sich unweit der Klosterbau von Wahlstatt
erhebt, an der Stelle, da der Mongolensturm
zum Stehen kam.
Die nächste Umgebung Breslaus lädt mit
historischen Stätten und mit der Schönheit
und Eigenart ihrer Landschaft zu Halbtags
fahrten ein. Das Schlachtfeld von Leuthen mit
seinem bekannten Museum, Blüchers Grab
und sein Schloß Krieblowitz mit dem Reise
wagen Napoleons sind beqnem auf einer
Halbtagsfahrt zu besichtigen. Nach der Berg
feste Silberberg, dem gewaltigsten Festungs
ban, den Friedrich der Große zum Schutze
Schlesiens am Eingang zu den Glatzer Ber
gen anlegen ließ und in dessen Kasematten
Fritz Reuter gefangensaß, wird zu einer Ge-
öächtnisstunüe für den Dichter der „Strom-
tid" und der „Festungstid" eine Halbtagsfahrt
veranstaltet.
Doch nicht nur Schlesiens Berge, sondern
auch die Landschaft Nordniederschlesiens sind
des Reizes voll. Hier führt der Weg über die
alte Oderfeste Glvgau mit den reichen Denk
mälern ihrer Vergangenheit nach dem Schle
siersee, dem größten Binnensee des Landes,
nach Sagau, der Stadt mit dem historischen
Schloß und einer der schönsten Parkanlagen,
und nach Grünberg, dem nördlichsten Wein
baugebiet der Welt.
Wer aber weniger Zeit zu verwenden hat,
um sich das Land genau anzusehen, der kann
auch in Tagesfahrten reiche Gelegenheit fin
den. Einzelheiten dieser vielfältigen Landschaft
aufzusuchen, und er wird jedesmal einen um
fassenden Eindruck von der Eigenart und der
Schönheit Schlesiens mit nach Hause nehmen.
Schlesien ist ein Land der Burgen, das ahnen
die wenigsten. Eines der schönsten Vorgebirge
ist das Bober-Katzbach-Gebirge, in dem sich
Burg an Burg auf engem Raum erhebt im
Burgenland von Bolkenhain. Auch nach Ober
schlesien führen eindrucksvolle Tagcsfahrten.
von Agricola (Oberleutnant Bauermeister).
Copyright by Vorhut-Verlag 1983 Otto Schlegel G.m.
b.H., Berlin SW. 68, Heüemannstraße 13.
(Schluß.)
„Nehmen Sie Platz, Herr Oberleutnant
Bauermeister", begrüßte sie mich in gebroche
nem Deutsch. „Sie deuteten schon gestern an,
daß Sie mich kennen", sagte ich. „Woher?" Da
lachte sie und rückte mich aufs Sofa. Mein
Mißtrauen verstärkte sich, und ich entschloß
mich, scharf aufzupassen. Es waren herrliche
Leckereien, die sie mir vorsetzte,' der Wodka
und der Sekt schmeckten vorzüglich.
Deutschlands. Ich bin nun beauftragt, Ihnen
für einen ausführlichen diesbezüglichen Be
richt zehntausend Dollar auszuhändigen und
Sie in unsere Dienste gegen festes Monats
gehalt einzustellen. — Was sagen Sie dazu?"
„Was ich dazu sage? — Daß ich es für eine
große — sagen wir — Unhöflichkeit von
Ihnen halten würde, wenn Sie wirklich ernst
glauben könnten, mein Charakter ließe mich
ein solches Angebot überhaupt nur erwägen!"
„Ist das Ihr letztes Wort? Sie werden es
vielleicht sehr bereuen. Vielleicht darf ich Sie
an den Fall Mjassojeöoch erinnern? Das
Todesurteil gegen Sie besteht rechtskräftig.
Soll es vollzogen werden?"
„Erstens war der Oberst Mjassojedow nie
mein Agent, und zweitens denkt die Sowjet-
regierung gar nicht daran, dieses Todesurteil
an mir zu vollstrecken", antwortete ich gleich
mütig.
„Wenn ich Ihnen aber sage, Herr Oberleut
nant, daß Sie in diesem Fall dieses Zimmer
nicht lebend verlassen? Daß alle Maßnahmen
hierfür getroffen sind?"
„Ich denke, Sie sind Tscheka-Agentin und
nicht Agentin der Entente? Sie wagen sehr
viel, wissen Sie das?"
Ehe ich noch in die Tasche nach dem Revolver
greifen konnte, wurde mir von hinten — aus
den Falten der schweren Portiere heraus —
eine Schlinge um den Hals geworfen. Ich ver
lor die Besinnung. Wie aus weiter Ferne hörte
ich nur noch mehrere Schüsse kurz hinterein
ander...
„Darf ich mit Ihnen jetzt einmal geschäftlich
sprechen?" begann sie plötzlich. „Geschäftlich?"
fragte ich verwundert. „Es handelt sich um fol
gendes: Sie haben der Sache der Entente
schweren Schaden zugefügt. Das wissen Sie
selber am besten. Ihr einst großes Vermögen
in Rußland haben Sie restlos verloren. Sie
sind Nachrichtenoffizier der Obersten Heeres
leitung und als solcher natürlich gut orien
tiert über die allgemeine militärische Lage
AIs ich die Augen wieder aufschlug, lag ich
auf einem Sofa. Mit Tränen in den Augen
kniete die kleine Prinzessin vor mir. Hinter
ihr standen der gute Petrowski und der Kom
missar Antonow. Langsam erst fand ich mich
zurecht.
„Was ist?" fragte ich. Die Prinzessin legte
ihr Köpfchen auf meine Brust und schluchzte.
„Kurz nachdem Sie fortgingen", berichtete
Kommissar Antonow, „kam ich Sie zu besu
chen. Die kleine Prinzessin erzählte mir kurz,
wohin Sie gegangen waren und bat mich auf
den Knien, Ihnen zu folgen. Ich hätte es auch
sowieso getan, da die Selenina bei uns schon
seit einiger Zeit als Entente-Agentin in Ver
dacht stand. Die Läden waren nicht dicht ge
schlossen, und durch den breiten Spalt sah ich,
wie Ihnen ein Mann, der hinter der Portiere
gestailden hatte, eine Schlinge um den Hals
warf und sie zuzog. In diesem Augenblick schoß
ich durch die Scheibe und zerschmetterte die
linke Hand der Tschekistin. •— Ja, Herr Ober
leutnant, die kleine Prinzessin ist Ihre Le
bensretterin!"
Ich setzte mich auf und sah mich um. Auf
dem Tischtuch war eine große Blutlache. Auf
dem Sofa saßen gefesselt die schöne Tänzerin
und der Mann, der mir die Schlinge um den
Hals geworfen hatte. Ich stand aus, aber die
kleine Prinzessin mußte mich stützen, so schwach
war ich noch.
Auf mein Abschiedsgesuch hin drahtete mir
mein Chef aus dem Großen Hauptquartier:
„Der Generalfeldmarschall v. Hindenburg ist,
gewiß nicht leichten Herzens, an der Spitze der
Truppe geblieben, um ein namenloses Unglück
von Deutschland abzuwenden und die Truppen
in die Heimat zurückzuführen. Er bittet die
Offiziere, seinem Beispiel zu folgen."
Damals hat mancher dieses kritisiert. Heute
dürfte wohl keiner mehr im Zweifel darüber
sein, daß der Generalfeldmarschall durch diesen
Entschluß Deutschland vor dem völligen Zu
sammenbruch nach russischer Art rettete.
In tiefer Ehrfurcht und Dankbarkeit geden
ken wir, die wir die Ehre hatten, seinem Stabe
anzugehören, des großen Mannes, dem es ver
gönnt gewesen ist, nach jahrelanger dunkler
Nacht, als treuer Soldat auf dem verantwort-
tungsvollen Posten ausharrend, die nationale
Wiedergeburt Deutschlands am 30. Januar zu
vollziehen.
— Ende.—
Ģê? Şşîâîîê / Kriminalroman
von Josef Kohlhofer
Cvpyrlghi by Prometheus-Verlug, Dr. Ctchacker,
Gröbenzell bei München.
73) Nachdruck verboten.
In der Nähe des Tatortes gelang es mir,
mit Jnspekor Gibbs zusammenzukommen,' er
war der einzige Mitwisser. •
Wardsfield nahm mich später als meinen
eigenen Mörder mit offenen Armen auf, und
ich genoß als Jamesworth von Anfang an
sein volles Vertrauen. Unterdes verriet Lucy
Sillborik, von glühendem Haß gegen den
Mörder ihres Bräutigams beseelt, den Stand
ort der sogenannten Garde des Grauen —
eine Ziegelei.
Fräulein Wellington zog zu der gleichen
Zeit zu ihrem Onkel, der endgültig nach Lon
don übergesiedelt war. Sie wußte nicht, daß
Anny, das Hausmädchen, eine weibliche Agen
tin der Polizei war und, als der Versuch
unternommen wurde, sie neuerdings zu ent
führen, die falsche Krankenschwester so lange
aufhielt, bis es Scotland Yard verständigt
hatte und annehmen konnte, jeden Augenblick
das Polizeiauto um die Ecke biegen zu sehen.
Die von drei Abteilungen aufgenommene
Verfolgung scheiterte schließlich dadurch, daß
die Verbrecher einen Panzerwagen und künst
lichen Nebel verwendeten. Zu diesem Zeit
punkt verbarg mich Wardsfield bereits in der
Ziegelei vor dem'Zugriff der Polizei. Ich be
freite das Mädchen aus seinen Händen und
brachte es in das Innere des Panzerwagens,
konnte mich aber nicht mehr mit Inspektor
Gibbs in Verbindung setzen, der zwar schon
seine Instruktionen erhalten hatte, aber zu
deren Ausführung meinen Befehl abwartete.
Ständig lag ich vor dem unterirdischen Gang
— er verband Bests Haus mit der Ziegelei —
auf der Lauer, und es glückte mir endlich, den
Grauen zu beobachten, wie er in das Maschi-
ncnhaus huschte, um dort mit Wardsfield zu
sprechen. Bei seiner Rückkehr stäubte ich aus
meinem Versteck eine ätzende Säure auf seine
Schuhe, deren Spuren später auf den Schuhen
des Majors deutlich zu sehen waren.
Nachdem Inspektor Gibbs bei seinem Be
such in der Ziegelei überrascht wurde, befreite
ich ihn in der Maske des Grauen und suchte dienen.
dann mit ihm das Innere des Panzerautos
zu erreichen. Alles weitere war zwischen den
stählernen Wänden gefahrlos und führte ohne
weitere Gefährdung unseres Lebens zu einem
vollen Erfolg. Auf unserem Weg in die so vor
züglich getarnte Garage fing ich Milton ab
er wurde von dem Grauen erschossen, und
GibW und ich sollten die nächsten Opfer sein.
Mein Schutz traf ihn aber eher. Chester-Crew
verbiß die Schmerzen, konnte aber seinen Zu
stand vor den Augen des Dienstmädchens, das
mir kurz vor der Verhaftung die Verletzung
des Grauen bestätigte, nicht verbergen.
Der Graue hatte sämtliche ihm zur Last ge
legten Morde eingestanden und wird dafür die
gesetzliche Sühne zu tragen haben."
Mit diesen Worten schloß Gerson seinen
ausführlichen Bericht.
„Gestatten Sic eine Frage, Kommissar?"
ließ sich der Redakteur des „Daily Mail" ver
nehmen. „Wie ermordete Crew seine Opfer
Bennett, Orwell und Grimsbay?"
Der Gefragte bedachte sich eine Weile.
„Er verabreichte ihnen Blausäure, die mit
einem dünnen, besonders präparierten Gela
tinemantel umgeben war, also in Form von
Pillen. Bei der Herstellung des Schutzmantels
berechnete er genau die Einwirkungszeit der
Verdauungssäfte, und so kam es, daß Bennett
und die anderen die Wirkung erst verspürten,
nachdem der Schutzmantel durch die Magen
säfte aufgelöst war und austreten konnte. Wie
er seinen Opfern diese weichen, kleinen Ku
geln eingab, meine Herren, ist auf raffinierte
Art geschehen. Zuerst suchte er die Bekannt
schaft des Betreffenden als Chemiker zu ma
chen, indem er sehr seriös auftrat und von ei
ner Erfindung auf dem Gebiete des Gesund
heitswesens sprach. Er erwähnte, daß er zur
Ausnützung seiner Erfindung einen kaufmän
nischen Sozius benötige, der lediglich seine
Arbeitskraft in das Unternehmen geben soll
te, während er für hinreichende Barmittel
sorgen werde. Für den pensionierten, zur
Untätigkeit verdammten Offizier des alten
Heeres war das eine freudig begrüßte Ge
legenheit, sich zu betätigen und Geld zu ver-
Mit beredten Worten pries Crew-Best-Che-
ster seine das Gesamtwohlbefinden des Men
schen außerordentlich steigernde chemische Er
findung. Er ging soweit, dem zukünftigen So
zius eine Probe davon anzubieten, die ah
nungslos geschluckt wurde. Bennet und Or
well träumten dabei von Reichtum und Glück
und hatten den Tod im Leibe.
Bei Grimsbay war die Sache nicht anders.
Lediglich, daß er dort nicht als Unbekannter
auftrat, sondern als Best wenig Worte benö
tigte, um dem gewinnsüchtigen Menschen die
Falle zu stellen. Das geschah in Sallys Salon,
zwei Stunden bevor Grimsbay zu der Zusam
menkunft im Tabaksspeicher eilte.
Damit bin ich am Ende, meine Herren!"
„Ich habe ausnahmsweise die Beförderung
Hulls zum Oberinspektor veranlaßt und auch
Captain Blowden und einige andere nicht
vergessen", sagte der Minister lächelnd. „Hof
fentlich sind Sie damit einverstanden, Inspek
tor Gibbs muß noch eine Weile warten."
„Sir, damit machen Sie mir eine große
Freude. Meine Kollegen haben es verdient,
wenngleich sie nur ihre Pflicht taten!" entgeg-
nele Gerson erfreut.
„Sie haben der Oeffentlichkeit einen großen
Dienst erwiesen und gezeigt, wie recht ich han
delte, Sie auf diesen Posten zu stellen. Wir
sprechen uns noch, habe leider jetzt nicht mehr
viel Zeit!"
Der Kommissar faßte die letzten Worte als
einen zarten Wink auf. Er erhob sich und ver
abschiedete sich mit einem „Guten Tag, Sir!"
Schon an der Tür, kam erst der Gegengruß
des Ministers, und Gerson wußte nicht, ob er
recht gehört hatte.
„Guten Tag, Herr Oberkommissar!"
Es war drei Wochen später. Bäume und
Sträucher prangten bereits im grünen Schmuck
der Blätter, ein herrliches Frühlingswetter
zauberte in die Herzen der Menschen ein son
derbares Sehnen, der Himmel wölbte sich wol
kenlos wie eine blaue Kuppel über die Stadt,
und die Sonne, die langsam zum Zenit empor
kletterte, verkündete mit wärmenden Strahlen
den Anbruch einer neuen Jahreszeit.
Von der City aus bewegte sich in gemäch
licher Fahrt ein Wagen, an dessen Steuer
Inspektor Gibbs saß, dem vornehmsten Ken
sington zu. Stur hier und da klang gedämpft
der Ton der Hupe in den Lärm des Verkehrs,'
fast geräuschlos glitt der Wagen aus dem wei
chen Asphalt dahin.
Ein schwerer Seufzer, aus dem Munde des
Inspektors kommend, entlockte Gerson ein
leichtes Lächeln.
„Sind Sie krank?" fragte er teilnehmend.
„Mary macht mir Sorgen, Captain", gestand
er kleinlaut. „Sie will jetzt mit einem Male
mit Olympiaschnelligkeit heiraten. Ich bin ein
bedächtiger Mensch und dachte, das hätte Zeit,
bis ich Kommissar bin, von wegen eines aus
reichenden Gehalts für Familiennachwuchs
und so!"
„Und was meint Ihre Braut dazu?"
Gibbs ließ betrübt den linken Richtungs
anzeiger herausspringen und bog elegisch in
die Kurve.
„Mary hat Angst, bis dahin eine ursteinalte
Frau mit Schlotterhaar und wackligen Zähnen
zu werden. Sie hat keine Lust zu warten, bis
Gicht und Zipperlein bei ihr auf Miete woh
nen, sagt sie, und das ist ungerecht von ihr!"
Gerson schmunzelte.
„Ich werde morgen das Aufgebot bestellen",
erzählte Gibbs weiter, „und ihren Wunsch er
füllen. Mary ist sonst ein gutes Mädchen, und
kochen kann sie, daß dem Lord-Mayor von
London das Wasser im Munde zusammen
laufen würde, wäre er bei uns zu Gast. Kol
lege Hull stellt sich als Trauzeuge zur Ver
fügung und freut sich schon auf das Hochzeits
mahl. Und nun hätte ich eine große Bitte!"
Er warf einen kurzen, forschenden Blick auf
seinen Vorgesetzten und fuhr dann mutig fort:
„Mary und ich würden einen zweiten Trau
zeugen benötigen und..."
„Rechnen Sie bestimmt auf mich,' es wird
mich freuen, Ihrer Hochzeit beizuwohnen"
antwortete Gerson herzlich.
„Mary wird stolz sein wie eine Kammerfrau-
wenn ich ihr das sage. Einen größeren Dienst
hätten sie mir nicht erweisen können, Captain-
„Es ist nur Selbsterhaltungstrîeb, wenn Ä
diese beiden Menschen aus der Welt schaffe",
fuhr Kommissar Antonow fort. „Ich muß an
meine Familie denken. Gehen Sie doch bitte
mit der kleinen Prinzessin einen Augenblick in
den Garten. Ich komme gleich nach." Als wir
an der Gartentür standen, knallte es — wir
zählten sechs Schüsse. Kommissar Antonow
trat aus dem Haus.
„Sie sind gerichtet", sagte er. Die Prinzessin
zuckte bei diesen Worten zusammen. An der
Straßenecke warteten zwei Droschken, mit de
nen Antonow gekommen war. „Fahren Sie
mit der kleinen Prinzessin vor", erklärte er.
„Ich folge."
„Sie haben mir das Leben gerettet, Durch
laucht", sagte ich zu ihr im Wagen und drückte
ihr die Hand. „Warum?"
„Warum?" flüsterte sie. „Weil Sic mich aus
bitterster Not erretteten!" Wir saßen die
ganze Nacht im Salon, bis der Morgen
graute, und erzählten aus unserem Leben.
Kommissar Antonow und Generalstabs
hauptmann N. kamen am Vormittag, um sich
von mir zu verabschieden. Meine Mission war
erfüllt: Ich war über die militärische Lage in
Rußland voll im Bilde.
Abends fuhr ich mit der kleinen Prinzessin
und Petrowski nach Reval zurück...
Das wird der feinste Tag in meinem Leben!
Am 6. November 1918 trafen wir in Reval
ein. Der Tragödie letzter Teil wickelte sich ab. ,
In Kiel meuterte die Flotte. Soldatenräte
bildeten sich nach russischem Muster. Der Kai
ser dankte ab. Ein sogenannter „Rat der
Volksbeauftragten" bildete sich mit Ebert an
der Spitze. Ich konnte diesen Herren nicht
dienen, die in meinen Augen die Schuldigen
am Zusammenbruch Deutschlands waren, und
reichte meinen Abschied ein. Dem Befehl des
Generalfeldmarschalls folgend, verließ ich
trotzdem nicht meinen Posten.
v
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