134 Die Chronik des Garnisonstädtchens
Lise hatte ihr Kleid ausgezogen, und die Cou—
sinen untersuchten es ganz genau; leider war aber
weder etwas Neues daran noch etwas, was chie
gewesen wäre; Lise erregte immer ihren Arger durch
ihre Gleichgiltigkeit gegen die Ansprüche der Mode.
Da aber sah Mine zufällig Lise selber an, wie sie
dort am Bett stand; das aschblonde Haar fiel ihr
über die Schultern herab, die Arme hatte sie hoch
über dem Kopf erhoben, und obwohl keine der
kleinen Mädchen einen klaren Begriff von weiblicher
Schönheit hatte, so rief Mine doch unwillkürlich aus:
Nein, wie entzückend du bist, Lise! Sie sprang hin
und küßte sie, worauf Friederike das gleiche tat.
Lise wurde dunkelrot und wehrte sanft die Be—
wundrung der Cousinen ab. Gleich darauf rief
aber Friederike scheinbar ganz unmotiviert aus:
Nein, was für ein reizender Mensch Adiunkt Möller
doch ist!
Ja, Vater meint auch, daß er ganz tüchtig in
der Schule sei, erwiderte Lise.
Ach, das meine ich ja gar nicht! sagte Friederike.
Aber du bist nun einmal immer so schrecklich ver⸗
nünftig!
Mine war drei und Friederike zwei Jahre älter
als Lise, dessenungeachtet hielten sie sich aber beide
für jünger als diese.
Denkst du denn nie daran, dich zu verheiraten,
Lise? fragte Mine, als sie alle drei im Bette lagen,
und das Licht ausgeblasen war.