262 Die Chrvnik des Garnisonstädkchens
der klaren Überzeugung, daß der Postmeister auf
allen Gebieten ein Ignorant sei und bleibe — aber
deshalb ist er eben auch Mitglied der Stadtverwal—
tung, murmelte er ingrimmig vor sich hin.
Jochumsen hatte ja aber noch seinen eignen,
ganz privaten Geheimgang außer dem oöffiziellen,
nämlich die Familienverhältnisse des Leutnants. Den
Eingang glaubte er ja gefunden zu haben, es han—
delte sich jetzt nur darum, weiter vorzudringen, und
da Jungfer Ginge noch jeden Angriff abwies, be—
schloß er, noch einmal den Schauspieler Bertram
aufzusuchen, um, wenn möglich, mehr aus ihm her—⸗
auszubringen. So begab er sich denn an einem der
ersten Nachmittage nach seiner Heimkehr in das
Kloster und fragte, ob Bertram zu Hause sei.
Ja, sagte der Pförtner, zu Hause ist er, aber
er liegt zu Bett!
Dann ist er wohl wieder mal betrunken, meinte
Jochumsen.
Nein, es steht nicht gut mit ihm, erklärte der
Pförtner, er hat Delirium gehabt und hat tagelang
dagelegen und geschrieen und Komödie gespielt, und
seitdem ist kein Tropfen Branntwein über seine Lippen
gekommen, denn sie passen ihm streng auf, und er ist
ganz ordentlich und umgänglich geworden. Der Herr
Oberlehrer können immer zu ihm hineingehn, er ist
gar nicht so boshaft und krakeelerisch, wie sonst so
viele werden, wenn das Delirium sie gepackt hat.
Jochumsen dankte für die freundliche Auskunft