Volltext : Die Chronik des Garnisonstädtchens

22 Die Chronik des Garnilonstädichens

und nähte — auch sie sah aus, als sei sie aus
Friedrichs des Sechsten Zeit hier im Zimmer sitzen
geblieben und vergessen worden.
Guten Morgen, Lise! sagte Jochumsen, und das
junge Mädchen erhob sich, trat ruhig auf ihn zu
und sagte mit einem freundlichen Lächeln: Guten
Morgen, Onkel!
Adjunkt Möller — Fräulein Lassen! stellte
Jochumsen vor, und die Tochter des Rektors gab
Möller die Hand, sah ihn mit ihren klugen, grauen
Augen an und sagte: Willkommen in unsrer Stadt!
Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob Vater zu
Hause ist? sagte Jochumsen.
Ja, er ist in seinem Zimmer — bitte! Und
damit öffnete das junge Mädchen eine Tür, ließ
den Oberlehrer und den Adjunkten eintreten und
folgte hinter ihnen drein.
Borte mit alten Büchern vom Fußboden bis
zur Decke, Blumen vor den Fenstern, und an der
einen Wand ein einfacher Schreibtisch — das war
das Studierzimmer. Der Rektor, eine magere,
ein wenig gebeugte Gestalt in grauem Schlafrock,
mit weißem Halstuch und einer langen Pfeife im
Munde saß am Schreibtisch, den Eintretenden den
Rücken zugewandt. Er erhob sich langsam, stellte
seine Pfeife hin und hieß den Adjunkten freundlich
willkommen, nachdem ihn Jochumsen vorgestellt hatte.
Der Rektor sah aus, als könne er wohl sechzig
Jahre alt sein; er hatte ein schönes, vornehmes
            
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