Full text : Die Chronik des Garnisonstädtchens

292 Vie Chronik des Garnisonstädtchens

Ja, ich bekam es Weihnachten vom Vater.
Ist es das daꝰ fragte Möller und nahm ein
Buch vom Tisch.
Nein, das ist Aladdin.
Ach so! Gefällt Ihnen das?
Ob mir Aladdin gefällt? Das ist doch eine
sonderbare Frage!
Ja, Aladdin ist natürlich gut geschrieben — es
ist aber kein dänisches Buch.
Was ist es nicht? fragte Lise und sah Möller
ganz starr an, der das Buch in der einen Hand
hielt. Dabei bemerkte sie, daß Möller eine unge—
wöhnlich große Hand hatte, es war ihr, als fasse
er ihren Aladdin sonderbar hart und plump an.
Aladdin ist nicht dänisch, fuhr Möller fort, nicht
in dem Sinne wie das „Fischermädchen“ ein nor—
wegisches Buch ist. Es sind welsche Töne, die
hier von hlenschlägers Harfe klingen, seichte, ober⸗
flächliche Melodien ohne Ernst und Tiefe! Haben
Sie nicht die Sinnlichkeit und Leichtfertigkeit durch
die Reime hindurch gefühlt?
Nein, das habe ich weiß Gott nicht, antwortete Lise.
Dann fehlt Ihnen das Ohr dafür! — Aber
Sie müssen doch zugeben, daß der Aladdintypus
an und für sich nichts anziehendes hat: Aladdin ist
ein unwissender, oberflächlicher Bursche, ohne ethischen
Grund, ohne den Ernst des Wollens, und das ein—
zige, was er vor andern Sterblichen voraus hat, ist:
Glück — Torkel.
            
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