Full text: Die Chronik des Garnisonstädtchens

314 Die Chronik des Garnilonstädtchens 
In diesen Umgebungen fühlte sich der Kammer— 
herr so zufrieden, wie sich ein alter Hofmann in 
einem halbfreiwilligen Exil finden kann, und selten 
oder niemals wurde ihm die Zeit lang. Die 
Morgentoilette nahm eine gute Weile in Anspruch 
— das Rasieren nicht zu vergessen —, dann trank 
er seine Schokolade, rauchte seine Morgenpfeife, zu 
der er die Zeitung las, und setzte sich darauf an 
die große Schatulle, deren ausgezogne Klappe ihm 
als Schreibtisch diente, um seine Korrespondenz zu 
verrichten. Der Kammerherr korrespondierte regel— 
mäßig mit zwei bis drei Freunden in der Haupt⸗ 
stadt und mit einem Dutzend älterer Damen. Jeder 
empfangne Brief, auf den er aus irgend einem 
Grunde Wert legte, wurde sorgfältig aufgehoben, 
nachdem zuvor das unbeschriebne Papier sorgfältig 
abgeschnitten war — denn in Bezug auf Papier 
war der Kammerherr geizig —, gleichgiltige oder 
unangenehme Briefe aber wurden gleich auf die 
eine oder die andre Weise vernichtet; doch, soweit 
es möglich war, so, daß das Papier noch zur Ver⸗ 
wendung gelangte; es war überhaupt der Grundsatz 
des Kammerherrn, sich von jedem unangenehmen 
Eindruck zu befreien. Seine eignen Briefe waren 
in der Regel lang, aber infolge der Verhältnisse 
nicht weiter interessant; in Bezug auf den Stil war 
natürlich eine Madame de Sévigne sein Vorbild, 
und was die äußere Beschaffenheit der Briefe an⸗ 
betraf, war es ihm eine unabweichbare Regel, sie
	        
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