Full text: Die Chronik des Garnisonstädtchens

28 Die Chronik des Garnisonstädkchens 
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Fräulein weiter, ohne sich an den mütterlichen Wink 
zu kehren. 
Der Leutnant beantwortete die Frage, und die 
Frau Oberst sagte: Ach so, der neue Adjunkt! Er 
soll ja hauptsächlich Geschichtsunterricht geben. Wenn 
er nur ein etwas begabter Mann wäre, eine Acqui⸗ 
sition für unsre Stadt, denn hier in der Provinz 
bedarf man beständig neuer Zufuhr von Intelligenz. 
Namentlich wir Damen, die wir nicht unsern be— 
stimmten Wirkungskreis nach außen hin haben, 
müssen uns ja unsern geistigen Gesichtskreis selber 
schaffen, darin leben und uns daran genügen lassen. 
Mein Mann lebt für das Regiment und hält sich 
fast ausschließlich in seinem Zimmer auf; aber hier, 
in dieser friedlichen Eckstube, leben meine Töchter 
und ich für Musik und Literatur, ohne uns um die 
Welt zu bekümmern, die sich um uns herum regt! 
Da kommt Rittmeister Ravnhielm! rief Fräulein 
Minna, die während des Vortrags der Mutter den 
Fensterspiegel keine Sekunde aus den Augen gelassen 
hatte. 
Er kommt wohl kaum hierher, entgegnete die 
Frau Oberst, jedenfalls gilt sein Besuch nur deinem 
Vater, mein Kind, und nicht uns — der Ritt— 
meister legt ja leider keinen Wert auf Damen— 
gesellschaft — auf die Geiellschaft wirklicher Damen, 
meine ich! 
Beide Töchter schlugen die Augen nieder und 
nahmen wohl selber an, daß sie erröteten, weshalb
	        
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