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Jens Peter Jacobssen.
zu lassen, das Jacobsen in seinen Dichterträumen geschaut.
Schlimmer ist dies, auf die Zusammensetzung in psychologischer
Hinsicht angewandt. Marie Grubbe wird uns in so verschieden—
artigen Formen vorgeführt, in so überaus wechselpollen Aeuße⸗
rungen ihres inneren Lebens, daß man sie kaum wiedererkennt.
und daß man sich erst sagen muß, daß Marie Grubbe es ist.
welche uns wieder einmal diese neuen Ueberraschungen bereitet.
Es ist gewiß eine philosophische Torheit, wenn Marie im Schluß⸗
kapitel des Buches daran zweifelt, ob fie ihr ganzes Leben hin⸗
durch nur eine Seele gehabt, aber es steckt doch ein guter Sinn
zatin ein Sinn freilich, der eine Kritik des Dichters enthalten
ürfte.
Jacobsen selbst war der letzte, der in seinem Buche ein
unübertreffliches Meisterwerk gesehen hätte. Er kritisiert selber
daran herum. So sagt er in einem Briefe an G. Brandes
(15. Nov. 1876) u. a.“ „Das Ungleichmäßige im Stit ist's, was
mir die meisten grauen Haare macht. Ach, ach, es gibt Stellen,
besonders eine — ich wuͤrde einen ganzen Bogen umschreiben,
um sie wegzubekommen.“ Und in einem Schreiben an E. Brandes
(12. Jan. 1877): „Wenn ich in einem halben Jahr Zeit und
Mittel hätte, das Buch umzuschreiben, würde ich manche billige
Forderungen erfüllen können; — aber nun muß es bleiben, wie
es ist, und ich kann auch nicht sagen, daß ich große Lust zu der
Arbeit hätte, geschweige die Kraft, die es einer neuen Arbeit
abfordern würde.“
Jetzt aber noch ein anderer Gesichtspunkt, auf den Jacobsen
freilich kein Gewicht legte.
Die Atmosphäre des Buches ist keine allzu gesunde und
erquickliche. Dieser viele Skandal, dieses ungeregelt „realistisch“
ohne viel moralisierenden Ballast dahintreibende „Liebes leben,
bis zu der kuriosen Liebe des kuriosen Kutschers Sören. ist
gerade nicht sehr erhebend und erbaulich, und wenn das Milieu
schließlich abwechssungshalber in eklen Kneipen, bei Scharfrich
tern, Raufbolden und unappetitlichen Bärenführern gewählt
wird, so dient das gleichfalls nicht immer zur Verschönerung
und Veredlung der Eindrücke.
„Es ist das ein ganz verrücktes Buch, um damit seine Ver—⸗
fasserlaufbahn zu eröffnen, so still und zahm es auch ist,“ meinte
Jacobsen selbst (Brief vom 12. Dez. 1876) wenn uh vielleicht
in einem anderen Sinne.
Und er wußte noch etwas mehr von seinem Buche. wie aus
dem gleichen Briefe hervorgeht.
„Leute, die Zeitungen lesen, behaupten, daß zu Weihnachten nichts
Besonderes erscheint, und darauf gründe ich meine Hoffnung, einigermaßen
gekauft zu werden; aber es könnte ja sein, daß die Wächter des Volkes
vorher schon das Buch in Bann erklärten und sagten, daß man es jungen
Mädchen nicht in die Hand geben könnte, und daun ift es jetzt und in der
nächsten Ewigkeit verloven.“
Es sind übrigens nicht bloß die jungen Mädchen, die nicht
alles „vertragen“ können.