Full text : Jens Peter Jacobsen

Von Johannes Ma yrhofer. 357

des elften Bogens gehabt, sodaß es Mitte Dezember kommen mag, Jove
savente ... Mein Buch ist sehr traurig, aber gut, was die innere Kom⸗
position betrifft, und einige Partien werden, wie es in alten Malereikata—
logen heißt, stets den Beifall des kundigen Geschmacksrichters erwerben.“
Diesmal erschien das Buch wirklich vor Weihnachten. Die
„vierjährige Anstrengung“ war zu Ende.
Anfangs war Jacobsen etwas bange, da er in seiner Ein—
jamkeit in Thisted nicht schnell genug beruhigende Zuschriften
über sein Werk erhielt.
„Ich sitze und braue mir dunkle Ahnungen zusammen, daß Ihr findet,
es sei mir mißglückt und ich sei zurückgegangen, und daß keiner der Erste
sein will, es mir zu sagen. Aber sehe ich das Buch an, so dünkt mich, es
est energisch geschrieben und hat viel Gutes in sich. Es hätte bloß heißen
sollen: „Ein Roman von denen vor Uns“, aber das klingt so markt⸗
schreierhaft, und ich ließ es sein““ (17. Dez. 1880.) Bald indes schreibt er
an G. Brandes, daß die Besprechungen im Ganzen anerkennend gewesen
(27. Dez. 1880), freilich in der Regel etwas kühler als bei „Marie Grubbe.“
(30. Dez. 1880) Er spornt seine Freunde, etwas über sein Buch zu schrei⸗
ben (an randes 30. Dez. 1880, an Edvard 22. Jan. 1881), und freut
sich, daß(Ibsem so begeistert ist (1. Jan. 1881). Merkwürdig kommt es
ihm freilich vor, daß die Leute überall, alle ohne Ausnahme, darüber kla—
gen, daß die Geschichte traurig, trübselig, hoffnungslos krank ist.“ (An
Georg Brandes 30. März 1881).
Sehen wir uns nach diesen Prämissen das berühmte Buch
einmal näher an.
„Niels Lyhne“ ist die Geschichte eines Menschenlebens. Wir begleiten
den Helden von der Wiege bis zum Grabe. Eigentlich noch mehr. Wir
lernen im ersten der vierzehn Kapitel unseres Romans seine Eltern kennen
und sehen in deren Richtung die Entwickelung ihres Kindes schon einiger⸗
maßen vorbedeutet und prädisponiert.
Die Mutter entsprach so gar nicht dem praktisch nüchternen Sinn ihrer
Familie: Sie baute sich im luftigen Reich der Phantasie und der Dichter
eine eigene Welt, die in schroffem Gegensatz stand zu der, in der sie nun
einmal zu leben verdammt war.
Kein Wunder, daß sie sich bei der ersten Gelegenheit in den jungen,
intelligenten, weitgereisten, aber etwas wissenss und weltmüden Lyhne
verliobte, den Besitzer von Lönborggaard, einem benachbarten Gute. Frei⸗
lich, die Poesie war nicht von Dauer. Als Niels, ihr erstes Kind, geboren
wurde, waren die großen Illusionen schon gründlich zerstört. Poesie kann
das Leben wohl verschönen, aber nicht sein Wesen ausmachen. „Ciner, der
von der Poesie lebt, hat das Gleichgewicht verloren,“ wie Brenutano irgend⸗
wo bemerkt. Das ist Bartholines Unglück, unter dem auch ihr Mann zu
leiden hat, ein hie und da etwas träumerischer, unselbständiger, aber an⸗
dererseits durchaus nicht so unpraktischer Verwalter seines Gutes und
mancher Gemeindeangelegenheiten.
Die Mutter übte einen großen Einfluß auf den kleinen Niels, natür⸗
lich durch die Phantasie, durch tausend kühne, märchenhafte Geschichten,
denen das Kind wohl manchmal etwas stkeptisch gegenüberstand, aus denen
es sich aber doch eine gewisse Tendenz zu eigen machte, nicht zu sein wie
die andern, eigene Wege zu gehen, Heroengeschick zu dulden. Das hinderte
ihn aber nicht, alle Spielerei der Kinderjahre gehörig auszukosten. Die
Großtaten sollten später kommen. Natürlich hatte er auch Tage, wo er
Frankf. Zetta. Broschülren. XXXIII. Band, 11. Heft. 25
17
            
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