358 Jens Peter Jacobsen.
Sinn hatte für des Vaters „erdgebundene Gedanken und traumlose Er—
klärungen.“
Da er zwölf Jahre alt, erscheinen zwei neue Gesichter auf Lönborg—
gaard, eine Tante Edele, eine gefeierte Schönheit, die sich aus Gesundheits⸗
rücksichten aus der strahlenden Herrlichkeit von Kopenhagen in die länd—
liche Einsamkeit zurückziehen muß, und ein Hauslehrer namens Bigum.
Niels selber verliebt sich in seine Tante, noch viel mehr tut es der sonst
so philosophische Herr Bigum. Aber die Hoffnungen, welche dieser sich
gemacht, sind gründlich umsonst. Ungesehen wohnt Niels einer Szene bei,
wo Bigum sich erklärt und ihm die ganze Aussichtslosigkeit seiner Wünsche
von Edele klargemacht wird. Zum ersten Mal fühlt der Kleine eine mäch—
tige Furcht vor dem Leben. Er hatte „um ersten Male wirklich be—
griffen, daß, wenn es einen verurteilt hatte, zu leiden, dies Urteil weder
gedichtet war noch gedroht; sondern man wurde da zur Marterbank ge—
schleppt und dann wurde man gemartert, und es kam im letzten Augen⸗
blick keine abenteuerliche Befreiung, kein plötzliches Erwachen wie aus
einem bösen Traum.“ So denkt er jetzt, er, der so viele Märchen gehört
und so viele selbst erfunden.
Die zweite und große trübe Lebenserfahrung ist Edeles Tod im Früh—
ling des folgenden Jahres. Niels hat gebetet, daß Gott sie ihnen doch
lafsen möge, er hat gefleht und gehofft, und die Tante ist gestorben. Jetzt
weist er Gott aus seinem Herzen aus und stampft beim Begräbnis „ver—
ächtlich mit seinem Fuß auf die Graberde“, wenn nur der Name des
Herrn genannt wirod.
Und so geht es weiter auf dem Wege der Revolution, und weder der
Lehrer, welcher selbst auf „etwas artistische, überlegene Art“ religiös
noch der Pastor und die Eltern, die er alie im stillen beobachtet und
kritisiert, können ihn auf den rechten Weg bringen. Er fühlt sich verein—
famt, aber er kehrt nicht mehr um.
„Wenn er am Abend sich schlafen legte, dann war es ein wunoderlich
Gefühl verlassener Größe, das in ihm erwedt ward, wenn er daran dachte,
daß nun alle beteten, Kinder und Erwachsene, zu ihrem Herrgott, und
die Augen in seinem Namen schlossen, während er allein seine Hände des
Faltens enthielt, er allein Gott seine Huldigung weigerte. Von des Him—
mels Obhut war er ausgeschlossen; kein Engel wachte mehr an seiner
Seite; allein und unbeschützt trieb er auf des Dunkels seltsam murmelnden
Wassern, und die Einsamkeit breitete sich um ihm herum, von seinem Lager
aus in ferner unod ferner weichende Kreise; aber er betete doch nicht, sehnte
er sich auch bis zu Tränen, er rief doch nicht.“ Jedenfalls ein jsehr „fort⸗
geschrittener“ Knabe.
Da er so seine Liebe nicht mehr auf das Himmlische richtet, verliebt
er sich zur Abwechslung wieder einmal in etwas Irdisches, nunmehr in
einen vierzehnjährigen Anverwanoͤten, Erik, der nach dem Tode seines
Vaters für ein Jahr oder anderthalb in Lönborggaard aufgenommen wor—
den. Das Scheiden bringt dann natürlich wieder bitteren Schmerz.
Erik widmet sich der Kunst, der Bildhauerei, und Niels besucht ihn
später als junger Student, der eben sein Examen gemacht. Aber mehr
als der Jugendͤfreund interessiert ihn bald die Witwe Boye, eine junge
Dame von ziemlich freien Ansichten, bei der sich gern alle Künstler und
Literaten versammeln, die auf das „Neue“ schwören. Es dauert. nicht
allzu lange, und er hat sich leidenschaftlich in das kokette Weib vernarrt.
Zugleich schwelgt er in Zukunftsplänen. Er will Dichter werden.
aber „mit Posaunen“, nicht so zahm wie die andern.
Seine alten Freunde sind ihm nicht mehr allzu viel, selbst Erik nicht.
Frau Bonye ist seine „einzige und wahre Lebensgefährtin⸗. Da stirbt