Volltext: Zeitungsband (1915, Bd. 4)

HUM 
endsvurger Tageblatt. 
WM 
m 
Wr. 231. 
Sonnabend den 2. Aktoöer 
1916. 
^ķ.ìWŞ^^K2SŅŅ^MZ^WâŞķMŞSVMM^Şrà...ķşşÄķMkM?2MWWMV-' 
ZmmtagsgeöLmksn. 
Die Macht der Wahrheit. 
Die meisten Menschen sind ivatiiiBier einig, daß 
Bet Grund alles Guten Wahrhļafttigteit — und die 
ßügie «gemein ist. Dauernd fruchtbar ist nur, was 
in der Wahrheit wurzelt. Es mag einer reich 
begabt fein und viele gute Eigenschaften besitzen, 
wenn er es mit der Wahrheit nicht genau nimmt, 
mito alles entwertet. Unsere Feinde in dem 
gegenwärtigen Weltkriege sind nicht gerade wäh 
lerisch inbezug -auf die Waffen, mit denen «sie uns 
bekämpfen,, aber die «scheußlichste aller ist doch die 
Lüge, «mit der si>e die gange Welt «umstricken und 
gegen uns eingenommen haben. Doch die Lüge 
hat nicht nur „kurze Deine", so daß die Wahrheit 
m jedem Falle über sie «hinwegschreitet, sondern 
sie ist «auch ein Netz, in d«as sich d«er selbst fängt, 
wer e«s andern gestellt hat. Wir haben zwar eine 
große «Schar gefangener «Feinde «in unseren Lagern. 
Aber noch viel mehr unserer Gegner «sind in die 
Lüge verstrickt «und «werden in Unwissenheit und 
Täuschun g hingehalten. 
^ Wir bewundern mit Recht den «Mut «unserer 
Truppen und ihrer «Führer «an der «Front. Jedoch 
nicht weniger «beiwundernMert ist d«er «Mut unserer 
obersten Heeresleitung, die es «w«a«gt, dem «Volk 
„hinter der «Front" immer di«e «Wahrheit zu be 
richten «über das, «was «auf dem Kriegssch«aup«latz 
vor «sich geht. D i e f e n Mut haben unser«e Feinde 
bisher «nicht «berviesen. Dabei ist bei ihnen überall 
ein «Gefühl der Unsicherheit «und innere «Gebunden 
heit. Nur die Wahrheit macht frei. «Und das 
deutsche Volk fühlt sich «frei in« dem BeWutztsein, 
daß es di«e Wahrheit erfährt. Nicht «als «ob «wir 
a«l«les, bis ins kleinste, erführen, was «sich er 
eignet, «a«l l e Wahrhieit braucht, fa «kann «und d«arf 
man nicht sagen, aber w«as man uns «sagt, 
ist wahr. «Das «in «unserm -Volk «le'hende «Ver 
trauen iwir«kt aber nicht «nur befreiend, sondern es 
ist auch eine Quelle moralischer Kraft. «Wahrheit 
ist Macht. «Eeiwih, «auch die Lüge ist eine «Macht. 
Das haben «wir in diesem Kriege reichlich «evfah-ren. 
Aber ihre Herrschaft iļst «nur vor«überg«sh«enÄ. «Wie 
Wolken di«e «Sonne nur vorübergehend bedecken, 
so ist ein scheinbarer Sieg der Lüge «stets «nur «von 
kurzer« Dauer. Es kommt «sicher «und «schnell die 
Zeit, «wo die Macht der Wahrheit durch Lüge und 
Schein, «wie die «Sonne durch «Wolken und «Nebel 
bricht. «Wir können« d«ah«er auch «unsere Geschäfte 
und Familien, «unser «geisellischastl'iches «Loben usw. 
auf einen gesunden Böden «stellen Und zugleich die 
eigentliche Urkraft unseres Volkes «mehr«en„ «wenn 
wir es mit der «Mahrhe'it «g«e«n«au n«e«hmen. Zwar 
braucht, kann und d«arf m«a«n «a«u«ch «als «einzelner 
nicht alle Wahrheit sagen, aber «alles «was 
m a «n «f «a «g t, «m u tz wahr s «e« i «n! 
Fehler und «Schwächen deiner Mitmenschen 
können dir b«àunt und «wa«hr sein, «ab«e«r du. brauchst 
sie niemand «zu sägen. «Es sei denn, daß du so viel 
Vertrauen besitzt, «um sie ihnen selbst zu sagen. 
Wer rücksichtslos alle «Wahrheit sagt, «wird «ebeit- 
soviel und «schmerzlich verwunden, «als «wer «es da 
mit nicht genau nimmt. Es gibt «auch «inchezug «auf ! 
wahre «Dinge Fälle, «wo Reden kein «Silber,' 
Schweigen aber Gold ist. Willst du das Sch«w«ert I 
der «Wahrheit recht gebrauchen? Mußt es in 
Weisheit und in «Liebe tauchen! 
IVSKNS öKt tsgàg,- 
HatHeinRühl elhASrommeLheeen 
Ls Hus Lsm. 
Plattdeutsche «Skizze von I. Gebr «an dt. 
(Unberechtigter Nachdruck verboten.) 
De Koppeln weern rein, un de letzte Book- 
w-eeten weer insöhrt. De jüngsten Swülken harrn 
o«k all dat Nest vertaten un seien mit de ölen in 
de Reeg up de Telegraphendröht «un sungen Reise 
ledder. An «Knick hung'n de Ranken vun de 
Brommelbeern. De smarten Beern blänkern in 
Sünnschien, as wenn se seggen wull'n: „«Wenn 
doch man blots een feem, un uns glücken d«ä, dat 
ward d«e höchste Died! Bergeet uns blots «ni in 
dit Jähr; «wi fund doch noch to brüten un w>üllt ok 
mit hölpen, dat fi Minfchen dörch den Winter 
kamt." 
Dar weer o«k «all «een op'n Gang, de de besten 
Absichten op d«e Brommelbeern harr. As de Dau 
ut dat «Er«as weer, pett dar een öllerhäftigen 
Mann dörch dat R«edd«er hendahl; öwer'n «Arm «een 
Korw un in de «Hand een Hasselstock. 
Dat weer Hein Kühl. He weer in Deenst 
vun de Jsenbahn old un igr«a«u warn. Männimal 
harr h«e ok all daran dacht, den Deenst uptogew'n. 
De Jungs weern all selbstännig un sin Dor,a weer 
god verheirat. Dat Kriegsfahr harr vk för em een 
strammen Deenst brächt. Awer woteen «wull sik nu 
wull marken laten, dat he „old" w«eer! 
He freu «stk awer bannig, dat he in de letzen 
Dag vun September no-ch'n pa«ar D«a«g Urlaub 
kreeg'n h«arr «un sik mal verputz'n tunn. All mannt 
Jahr harr h«e sin Urlaubsdag «in sin «Heimatsdörp 
Hölienwisch vorleewt. Dar weer he nu ok welker. 
Vorled'n Jahr weer dar nix vun warn, «un wi 
wiüllt em d«at ni verdenken, dat he sik nu duppelt 
freuen d«ä. Hein Kühl h«ar«r sik dat vörn«ahm'«n, 
noch m>al op de Brommelbeern lostogahn; vellich 
weern dar je noch een «paar för em nahblew'n. 
Sin Trina schult Duerwar Äarvun malen, de vran 
in «Kruken Un Buttels opbewah-r'n tunn. He wütz 
je noch ut «sien Jungsjahrn, wo he wülk sinn kunn; 
dat vergilt sik nich, wenn eener «as Jung jeden 
Knick in de ganse Feldmark kennt hott. Op d«e 
hogen Koplp-eln achter de Fellerwischen, dar «weer 
ümmer de beste Flag west. Dar harr he as Jung 
bischuerns in Harwst «Köh Hoden müßt op de «Stop 
peln «un harr dar goden Tiedverdriew an hatt. 
Dat «weer je ok mal vörkam'«n, dat he un sin Fründ 
Marten so lang'n «in de Brom'melbeern wesen 
weern, Lat süm Köh wildetz dörch den« «Knick un 
alleen to Hus «g«ähn weern. «Hein dach nach -an de 
Utschell, de dat to Hus geb'n harr! 
An't Doorlock bi een vun de Fellerwischen 
stünil ds OlenkaMpsbuer Marten Schröder. Hein 
muß doch hartli «lachen, «as sik de «beid'n School- 
fründ'n de« Hand «geb'n un verteil em, dat he grad 
eben an em dacht harr. 
„Na, hetz Di h«üt ok wull wat förnahm'n? 
Wenn de Korw «man ni to «groot is? In d«it Jahr 
s-ünd de Knicken heel dull nasöcht." 
„Ja, Marten, i«k wull op «min «ölen Dag doch 
noch mal wetter in de Brommelbeern; ik sinn fach 
«noch wülk." 
Un dat düer «ni lang, do snacken de beiden 
vun den „Krieg". «As se «all be-id vun de «Familie 
vertellt «harrn un wo j«ed«en dat «dar buten giing, 
keem'n se op «een anner Flag. 
„De Krieg hett uns ol'n Lüd doch noch m«al 
weller to er Rech kamen laten«! Ik sitt nu je «all 
een paar Jahr op't Verlchnt, hpff awer Äiffen 
Summer m«ehr um de Ohr'n hatt, «as in männi 
Jahr, wo «ik sülm Bur weer. «Froher, as wi noch 
mal mii«t vun den Krieg snacken as «een Tied, de 
wied w«e«g «weer, hett «man wull männimal in «Spatz 
seggt, wenn een« Jungkerl ni to brUken weer bi'n 
Kommitz: he weer god do«rto, mit de ol'n Lüd op 
Hus «un «Hoff «un op de Fruenslüd to passen. Na, 
vun de jung'-n Lüd hebbt se uns ni all to peel in't 
Dörp nalaten; de ölen L«üd h-ebbt dit Jah«r «ehrn 
Mann god «stahn mutzt un hebbt ot een god Deenst- 
jahr hatt." 
„Dat meen ik ok, Marten«! «Dat is je wahr, 
de jung'n Lüd un all de Mannslüd in de besten 
«Jahr'n fund för den Krieg dar; awer wi annern, 
de nablowen fund, dörft ni vergeeten warrn 
Gunst harr m«a«n all de ni so re«cht «mehr op de 
Reken, de an d«e ote Kant keem'n. «Awer nu week 
wi doch, wat jeder Mannsminsch to Hus weert is; 
in Jsenbahnb,edri«ew markt man dat gans be- 
sonners." — 
„,Ok bi uns bi'«n Buern hebbt wi dat in dit 
Jahr wull to şşeh«n kreg'n. «Wo harr dat w«ull ut- 
sehn, wenn «wi Ölen ni we-en weern; dar is «nu 
doch all'ns bit Seih'n un M«eih'n to rechten Tidd'n 
«in de Reeg kamen, un de Ahrn hebbt wi god ünner 
Dack un «Fack kr«egen. Wi wüllt awer ok ni ver- 
get'n, dat de Fruensklüd god mit anfat hebbt." 
„Wat «schulln de Oken «wull nix mehr wert 
wesen! Dar lat na'n Krieg «mal «eener kam-en un 
«so wat seggen! Uns H in d e n b u r g, vun de «wi 
all so vest «hört h«ebb«t un de för de junge Welt dat 
ward, wat sröh-er mal Badder «Blücher weer, is 
ok wahrhiastig keen Jüngling mehr, «he hett uns 
je n«och rech'n paar Jahr vörr«ut un feet wull all 
op't Olendeel. «So neeg bi de söbentig schall he 
all ween un denn segg mi noch ee«n«er, dat de -Ölen 
ni mehr in Krieg to br«uken sünd? Un General 
Kluck is ock «all 67 Jahr, as ik «nülich mal in't 
«Blatt lest h«e!ff, Mackensen schall 65 wesen, litt all 
de «annern, de >w«i« nu as H«eer«föhrers un Helden 
«kennt, fund all öwer de besten Jährn rut, as man 
hier bi uns «seggt un h«ebbt doch nu erst ehr Lewens- 
«arbeid dahn«. Ik segg di, na den Kialenner alleen 
«geiht dat uich, de Kerl schall dat maten. Wi «b«ei- 
d«en wüllt uns freun, dat wi noch ntitdohn künnt!" 
De beiden Frönn harrn bist «Snacken all lang 
de Piep r«utkreg«en «un sectcn bist «Smöken un 
Snacken op den Boom vun dat Heckdoor. Dat geev 
je noch «so veel «to sn«acken, ob dat wull noch «op den 
Balkan loogah«,: w«a«r uir ob dat den «Krieg bi uns 
«wull läng«er maten «war «oder affkörten da. 
Do keem noch e«en dr«ütten darto, Willem 
«Stuhr. -So feeten dar nu dre«e op dat «Heckdoor un 
snacken wieder «vun Krieg. Willem «Stuhr 
awer'n annern Ton rin in de Uennerholung. 
„Dat is je seker, de Begeisterung is weg b«i de 
«Suldaten! So as dat toerst «weer, dar «markt «wi 
n«u ni veÄ mehr vun; da«t schroew min Swieger- 
söhn ok. Vergang'n Jahr üm ditz Tied, do h«ebbt 
se noch ümmer dacht, to Wih«nachten weern se mit'n 
Kram tor-echt «un keemen denn «weller to «Hus. Un 
Nu staht wi all weller op lerrige Koppeln, noch 
ümmer is dat Enn ni afstosehn; wo schall dat «wull 
noch warn?" — 
„«Son «Snack, Willem Stuhr, «mag ick eegentli 
ni rech liàn," seggt Hein Kühl. „De Lud de so 
«snackt, suackt süm Mund «bischuer-ns ok vörbi. Dat 
kann in Ernst doch keen «Minsch denken, dat dat 
«ganse Lutsche «Volk öwer «een gans Jäh«r in de 
Stimmung is, as «wi dat verled'n «Summer in 
August bilewt h«ebbt. Dat de -Suldaten, de «all so 
un so veel mal inst «Füer west sünd, de Sak anners 
anseht un den Krieg v«un Harten satt hebbt, is 
dat e«en «Wunn«er? Wülk Lüd, de Flaumakers, 
wüllt uns aw«er wiesmaken, d«at dat een heel stech 
Teeken is för den Utaang. «Gswitz is dat mal 
vorkamen, «as wi hört hebbt, in Flandern weer't 
je wull, «as dat «dar op den Engelschmann losgüng, 
dat ganse Batteljons vun junge «Friwillige mit 
Gesang to'n Stor«m losgahn sünd. Awer wi schüllt 
doch ni d-eNken, dat dat «all «Dag so gähn hett. «Bi 
so'n «Storm op'n Fiend, dar sett doch jedereen «sin 
Leben bi op't Spill." — 
„Ik glow ok ni recht, dat dat din «Ernst weer, 
Willem Stuhr, -wat Du «seggt heft", leggt Marten. 
„Wi «weet doch all, bat de ; &üib an de Front, de 
dar Dag un Nşaicht in Schütteng«r«awen liggt un 
dagļbägli «den Ddd för «Ogen h«ebbt, d«at «Hurr«ah- 
ropen, awer ok dat Flaumaken de« Lüd« to Hus 
öwerlaten «doht, de dat ümmer ni gau n«och geiht. 
Dar buten Loht se ehr «Arbeid «mit «Gckuld, 
lltduer un told Blöd, un dat is doch de Haupsak. 
«Wi to Hus schöllt sü«m dat danken «un ni verdenken, 
wenn se so bilüttens mal «Heim-weh kriegt. Wi 
schüllt süm awer de Akbeid un dat Iltholen dar 
buten ni swarer malen, wenn wi schriewt. De 
Haupsak is, Lat «wi Ölen hier to Hus uns Arbeid 
„Wi wüllt -uns mit -uns Suldaten freun, 
wenn't bald to een «golden Enn «g«eiht mit den 
Krieg un wi all «uns Jungs weller «to «Hus he«Mt. 
Wenn't «awer noch «mal «weller Winter warrn schall, 
w«ard «wi bat «ok wull noch öwerkam'n, bet dat «ge- 
nog is, as uns Kaiser «seggt hett,'dat wi se Löscht 
hebbt." — 
„Dat is een «Word", seggt de Olenkampsbüer, 
„dat is doch vk din «Meenung. Willem Stuhr?" 
„Junge", seggt de wat benaut, „jüm Leid'n 
sirackt je beter as'n Pre«ester, «awer recht schüllt jüiir 
beiden dit mial hem! Wi wüllt «uns Jungs dar 
buten hier to «Hus nix nageiw«en!" 
„Ra, ir«u ward dat wull bald Meddag, bet wi to 
Hus kamt? «Ik glöv, wi hebbt uns hier rein fast 
snackt. «Hein Kühl, mit de Brommelbeern «ward 
dat hüt morgen -wull nix mehr?" seggt «Marteir 
un klopp darbi de Piep ut. 
Hein Kühl kehr ok weller mit «üm na't Dörp 
to. „Ik kam min Trina schön to Hus; as ik weg- 
günlg, h«eff ik «ehr noch fragt, ob «de^ Korw ok grod 
genog weer, «un nu h«e!fs ik «garkeen pkückt!" — 
Dis rvolgauixs. ^ 
Skizze aus dem russischen Volksleben. 
Von E E s ch. 
Nachdruck verboten. 
„Aber Lisinka, wohin willst Du schon wiedM? 
Bleibe doch hier, hilf uns beim Kuchenbacken!" 
riefen die Schwestern, die, beladen mit grotzen 
Kuchenblechen, dem Backhause zuschritten. 
„Ich gehe «an den Flutz," sagte Lisinka, ohne 
auch nur «einen Augenblick auf ihrem Wege iirite- 
zuhalten, und bald war sie den Augen dar ihr 
Nachblickenden entschwunden. 
„Ich mag keinen Kuchen", murmelte sie trotzig 
vor sich hin, „darum will ich auch keinen backen, 
nnb ich freue mich nicht auf das Fest morgen, dar 
um will ich nicht mit helfen, — und Lisinka mutz 
immer tun, was sie will, — nicht ihr Wellen?" 
fügte sie hinzu und warf einen Rosenzweig in den 
Flutz, an dem sie nun angelangt war. 
Eine mächtige, alte Weide stand am ^ Ufer, 
deren Zweige tief auf das Wasser herabhingen. 
Geschmeidig wie eine Katze klomm Lisinka an dem 
rissigen Stamme hinauf und nestelte sich droben in 
dem Gewirr der Zweige fest, mit denen sie bei der 
leisesten Bewegung wie in einer Schaukel hin- und 
herschwankte. Sie lachte hell auf, wenn die hüp 
fenden Wellen fast ihre Sohlen berührten und 
streckte den Kopf vor, um ihr Antlitz in den 
glitzernden, dahinschietzenden Wassern zu spiegeln. 
Da zog plötzlich eine Molke über die Sonne und 
ebenso schnell verfinsterte ein Schatten Lisintas 
Gesicht. Ein paair Tränen drangen aus ihren Au 
gen. Sie sah wieder hinab auf die eilenden Wel 
len und dann hinauf zum Himmel, in dessen blauer 
Tiefe eine Schar Vögel dahinzog, nach Süden zu. 
Lisinka schwang sich mit den Zweigen hin und 
her, leise begann sie zu flüstern: „Ich darf nicht 
mehr weinen und lachen, beinn morgen ist ja mein 
Hochzeitstag! Dann binn ich gefangen uitd «a«lles 
ist vorbei! Der Tod nur, der Tod macht mich einst 
wieder frei!" » 
Die Worte verhallten über den Wassern. 
„Lisinka", klang es da plötzlich «und den Weg 
zum Flusse kam ein junger Bauer in Festtracht 
daher. Er sah sich nach allen Seiten um und ein 
ärgerliches Zucken ging über sein Gesicht, als nur 
das Rauschen der Wellen und das Schreien der 
Vögel seinem Rufe aittwortete. 
Er tr-ät dicht an das Ilfer und sah in den Flutz. 
Sollten wirklich die alten Weiber im Dorfe, die 
Lisinka, seine schölte, junge Braut, eine Wasserfra-u- 
nannten, recht haben? 
Kolja Jalkutkin sah sich forschend um, «er hatte 
doch eben noch ihre helle Stimme zu sich« hittaus- 
schallon gehört. Furchtsam blickte er wiàr ins 
Wasser. Haschte sie sich wirklich dort unten zwi 
schen den schäumenden, wirbelnden Wellen mit den 
anderen Wasserfrauen und -Nixen, sang sie dort 
ihre neckenden Lieder und spotteta seiner? 
So beweglich war sie ja wie Wasser, so schwer 
ztt fassen und zu halten wie eine Welle -und« so 
schnell wechselten Lacheit und Weinen, -Ilebgrmut 
und Schwermut auf ihrem Gesicht, wie auf dem 
Wasserspiegel Licht und Schatten. Es flimmerte 
vor sei wem Blicken, war das Lisinka, die dort un 
ten ihr gelbes Haar schüttelte, datz es gleißte? 
Von abergläubischer Furcht gepackt, floh er 
davon. Ein neckendes Gelächter tönte hinter ihm 
her. Aus dem grünen Zweigegewirr der Weide 
glitt Lisinka ans den Boden herab. Sie kauerte 
«amt User nieder, zog Schuhe und Strümpfe ab und 
Uetz das Wasser über ihre weitzen Füße rinnen und 
lachte nur, als sis von fern wieder ihren Namen 
herüberschallen hörte. 
„Ich komme noch nicht", murmelte sie. „Heute 
bin ich noch nicht Dein, heute gehöre ich noch mir." 
„Vöglein einsam im Bauer, 
Herzchen einsam in der Brust. 
Beide hatten große Trauer 
Um die schöne Frühlingslust. 
Um das Flattern, um das Wiegen 
Ueber Berg und Tal umb Feld, 
Um das Wandern, um das Flregett 
Durch die weite, schöne Welt." 
sang Lisinka zum Schnurren ihres Spinnrades. 
Da trat Kolja, ihr Gatte, ein. Sein Gesicht hatte 
einen finsteren und mürrischen Ausdruck, denn 
seine Mutter, Marfa Euphemia und seine Schwe 
stern Daja und Petronilla hatten ihm viel Böses 
erzählt. 
„Lisinka", sagte er, „Du warft gestern wieder 
unten am Wasser?" 
Lisinka« duckte sich ein wenig. „Gewiß mein 
Herzchcm, ich war am Flusse, die Wäsche zu spülen." 
Er trat herrisch mit dem Fuße «auf. „Aber ich 
will es nicht, ich will es nicht", rief er wild. „Du 
sollst nicht dort hingehen, Dich in den falschen Wel 
len zu spiegeln und ihnen Deine Lieder vorsingen, 
hörst Du wohl!". Er packte sie am Arm und 
schüttelte sie. 
Doch wie eine Katze entwand sich Lisinka sei 
nem Griff, ihre Augen glühten. „Ich mag nicht 
ins Dorf gehen und mit den alten Weibern 
schwatzen", sagte sie trotzig. „Ich gehe, wohin ich 
will. Die Wellen sind meine Freunde, sie erzählen 
mir von den hohen, weitzen Bergen, von denen sie 
herkommen, sie erzählen mir von den dunklcir 
Wäldern, von der grünen Heide, durch die sie flie 
ßen, und von dem grotzen Meere, zu dem sie hin 
eilen. Glaube mir, es ist schöner «und ich höre es 
lieber, wie das, was die Weiber im Dorfe 
schwatzen." 
Koljas Gesicht w«a,r erblaßt. „Hexe", keuchte 
er. „Wasserfrau" und er wich vor ihr zurück. 
Lisinka lachte. „Latz mich gehen und ich bringe 
Dir auch «eine Handvoll Perlen mit, oder «einen 
goldenen Fisch," sie wollte an ihm vorbei durch die 
Tür schlüpfen. Aber er stellte sich ihr drohend in 
den Weg. „Bleibe, Nixe, bleibe", sagte er, „auf 
der festen Erde hast Du kerne Macht. Du gehörst 
mir, ich werde Dich schon zwingen, von dem Zau- 
berspuk zu lassen". 
Er uursatzte sie mit seinen starken Armen und 
trug sie in di«a nebeiran liegende Kamnter, dort 
band er ihr die Arme mit einem Strick zusammen, 
warf sie auf den Fußboden nieder und schlug bann 
roh mit dem ledernen Riemen, den «er als Gurt 
trug, auf sie los. 
Sie krümmte sich unter seinen Schlägen und 
schmiegte sich zusammen, wie ein Tier, aber sie gab 
keinen Laut von sich. Etidlich ließ er von ihr ab, 
ging zur Kammer hinaus und verschloß die Tür 
hinter sich. 
Lisinka schnellte vom Boden empor nnb die 
Tratten stürzten jetzt unaufhaltsam übar ihre 
Wangen. Sie eilte an das kleine Kammerfenster 
und streckte in ohnmächtigem Zorn und Schmerz 
die Arme nach dem lichten Abendhimmel aus, an 
dem die rosig gefärbten Wolken, vom leichten 
Winde getrieben, dahinflogen. 
„Fort", flüsterte Lisinka mit heiserer Stimme, 
„Ich «will auch'fortziehen, «weit fort, und sie «kau 
erte sich nieder und begann mit ihren spitzen Zäh-
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.