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endsvurger Tageblatt.
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Wr. 231.
Sonnabend den 2. Aktoöer
1916.
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ZmmtagsgeöLmksn.
Die Macht der Wahrheit.
Die meisten Menschen sind ivatiiiBier einig, daß
Bet Grund alles Guten Wahrhļafttigteit — und die
ßügie «gemein ist. Dauernd fruchtbar ist nur, was
in der Wahrheit wurzelt. Es mag einer reich
begabt fein und viele gute Eigenschaften besitzen,
wenn er es mit der Wahrheit nicht genau nimmt,
mito alles entwertet. Unsere Feinde in dem
gegenwärtigen Weltkriege sind nicht gerade wäh
lerisch inbezug -auf die Waffen, mit denen «sie uns
bekämpfen,, aber die «scheußlichste aller ist doch die
Lüge, «mit der si>e die gange Welt «umstricken und
gegen uns eingenommen haben. Doch die Lüge
hat nicht nur „kurze Deine", so daß die Wahrheit
m jedem Falle über sie «hinwegschreitet, sondern
sie ist «auch ein Netz, in d«as sich d«er selbst fängt,
wer e«s andern gestellt hat. Wir haben zwar eine
große «Schar gefangener «Feinde «in unseren Lagern.
Aber noch viel mehr unserer Gegner «sind in die
Lüge verstrickt «und «werden in Unwissenheit und
Täuschun g hingehalten.
^ Wir bewundern mit Recht den «Mut «unserer
Truppen und ihrer «Führer «an der «Front. Jedoch
nicht weniger «beiwundernMert ist d«er «Mut unserer
obersten Heeresleitung, die es «w«a«gt, dem «Volk
„hinter der «Front" immer di«e «Wahrheit zu be
richten «über das, «was «auf dem Kriegssch«aup«latz
vor «sich geht. D i e f e n Mut haben unser«e Feinde
bisher «nicht «berviesen. Dabei ist bei ihnen überall
ein «Gefühl der Unsicherheit «und innere «Gebunden
heit. Nur die Wahrheit macht frei. «Und das
deutsche Volk fühlt sich «frei in« dem BeWutztsein,
daß es di«e Wahrheit erfährt. Nicht «als «ob «wir
a«l«les, bis ins kleinste, erführen, was «sich er
eignet, «a«l l e Wahrhieit braucht, fa «kann «und d«arf
man nicht sagen, aber w«as man uns «sagt,
ist wahr. «Das «in «unserm -Volk «le'hende «Ver
trauen iwir«kt aber nicht «nur befreiend, sondern es
ist auch eine Quelle moralischer Kraft. «Wahrheit
ist Macht. «Eeiwih, «auch die Lüge ist eine «Macht.
Das haben «wir in diesem Kriege reichlich «evfah-ren.
Aber ihre Herrschaft iļst «nur vor«überg«sh«enÄ. «Wie
Wolken di«e «Sonne nur vorübergehend bedecken,
so ist ein scheinbarer Sieg der Lüge «stets «nur «von
kurzer« Dauer. Es kommt «sicher «und «schnell die
Zeit, «wo die Macht der Wahrheit durch Lüge und
Schein, «wie die «Sonne durch «Wolken und «Nebel
bricht. «Wir können« d«ah«er auch «unsere Geschäfte
und Familien, «unser «geisellischastl'iches «Loben usw.
auf einen gesunden Böden «stellen Und zugleich die
eigentliche Urkraft unseres Volkes «mehr«en„ «wenn
wir es mit der «Mahrhe'it «g«e«n«au n«e«hmen. Zwar
braucht, kann und d«arf m«a«n «a«u«ch «als «einzelner
nicht alle Wahrheit sagen, aber «alles «was
m a «n «f «a «g t, «m u tz wahr s «e« i «n!
Fehler und «Schwächen deiner Mitmenschen
können dir b«àunt und «wa«hr sein, «ab«e«r du. brauchst
sie niemand «zu sägen. «Es sei denn, daß du so viel
Vertrauen besitzt, «um sie ihnen selbst zu sagen.
Wer rücksichtslos alle «Wahrheit sagt, «wird «ebeit-
soviel und «schmerzlich verwunden, «als «wer «es da
mit nicht genau nimmt. Es gibt «auch «inchezug «auf !
wahre «Dinge Fälle, «wo Reden kein «Silber,'
Schweigen aber Gold ist. Willst du das Sch«w«ert I
der «Wahrheit recht gebrauchen? Mußt es in
Weisheit und in «Liebe tauchen!
IVSKNS öKt tsgàg,-
HatHeinRühl elhASrommeLheeen
Ls Hus Lsm.
Plattdeutsche «Skizze von I. Gebr «an dt.
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
De Koppeln weern rein, un de letzte Book-
w-eeten weer insöhrt. De jüngsten Swülken harrn
o«k all dat Nest vertaten un seien mit de ölen in
de Reeg up de Telegraphendröht «un sungen Reise
ledder. An «Knick hung'n de Ranken vun de
Brommelbeern. De smarten Beern blänkern in
Sünnschien, as wenn se seggen wull'n: „«Wenn
doch man blots een feem, un uns glücken d«ä, dat
ward d«e höchste Died! Bergeet uns blots «ni in
dit Jähr; «wi fund doch noch to brüten un w>üllt ok
mit hölpen, dat fi Minfchen dörch den Winter
kamt."
Dar weer o«k «all «een op'n Gang, de de besten
Absichten op d«e Brommelbeern harr. As de Dau
ut dat «Er«as weer, pett dar een öllerhäftigen
Mann dörch dat R«edd«er hendahl; öwer'n «Arm «een
Korw un in de «Hand een Hasselstock.
Dat weer Hein Kühl. He weer in Deenst
vun de Jsenbahn old un igr«a«u warn. Männimal
harr h«e ok all daran dacht, den Deenst uptogew'n.
De Jungs weern all selbstännig un sin Dor,a weer
god verheirat. Dat Kriegsfahr harr vk för em een
strammen Deenst brächt. Awer woteen «wull sik nu
wull marken laten, dat he „old" w«eer!
He freu «stk awer bannig, dat he in de letzen
Dag vun September no-ch'n pa«ar D«a«g Urlaub
kreeg'n h«arr «un sik mal verputz'n tunn. All mannt
Jahr harr h«e sin Urlaubsdag «in sin «Heimatsdörp
Hölienwisch vorleewt. Dar weer he nu ok welker.
Vorled'n Jahr weer dar nix vun warn, «un wi
wiüllt em d«at ni verdenken, dat he sik nu duppelt
freuen d«ä. Hein Kühl h«ar«r sik dat vörn«ahm'«n,
noch m>al op de Brommelbeern lostogahn; vellich
weern dar je noch een «paar för em nahblew'n.
Sin Trina schult Duerwar Äarvun malen, de vran
in «Kruken Un Buttels opbewah-r'n tunn. He wütz
je noch ut «sien Jungsjahrn, wo he wülk sinn kunn;
dat vergilt sik nich, wenn eener «as Jung jeden
Knick in de ganse Feldmark kennt hott. Op d«e
hogen Koplp-eln achter de Fellerwischen, dar «weer
ümmer de beste Flag west. Dar harr he as Jung
bischuerns in Harwst «Köh Hoden müßt op de «Stop
peln «un harr dar goden Tiedverdriew an hatt.
Dat «weer je ok mal vörkam'«n, dat he un sin Fründ
Marten so lang'n «in de Brom'melbeern wesen
weern, Lat süm Köh wildetz dörch den« «Knick un
alleen to Hus «g«ähn weern. «Hein dach nach -an de
Utschell, de dat to Hus geb'n harr!
An't Doorlock bi een vun de Fellerwischen
stünil ds OlenkaMpsbuer Marten Schröder. Hein
muß doch hartli «lachen, «as sik de «beid'n School-
fründ'n de« Hand «geb'n un verteil em, dat he grad
eben an em dacht harr.
„Na, hetz Di h«üt ok wull wat förnahm'n?
Wenn de Korw «man ni to «groot is? In d«it Jahr
s-ünd de Knicken heel dull nasöcht."
„Ja, Marten, i«k wull op «min «ölen Dag doch
noch mal wetter in de Brommelbeern; ik sinn fach
«noch wülk."
Un dat düer «ni lang, do snacken de beiden
vun den „Krieg". «As se «all be-id vun de «Familie
vertellt «harrn un wo j«ed«en dat «dar buten giing,
keem'n se op «een anner Flag.
„De Krieg hett uns ol'n Lüd doch noch m«al
weller to er Rech kamen laten«! Ik sitt nu je «all
een paar Jahr op't Verlchnt, hpff awer Äiffen
Summer m«ehr um de Ohr'n hatt, «as in männi
Jahr, wo «ik sülm Bur weer. «Froher, as wi noch
mal mii«t vun den Krieg snacken as «een Tied, de
wied w«e«g «weer, hett «man wull männimal in «Spatz
seggt, wenn een« Jungkerl ni to brUken weer bi'n
Kommitz: he weer god do«rto, mit de ol'n Lüd op
Hus «un «Hoff «un op de Fruenslüd to passen. Na,
vun de jung'-n Lüd hebbt se uns ni all to peel in't
Dörp nalaten; de ölen L«üd h-ebbt dit Jah«r «ehrn
Mann god «stahn mutzt un hebbt ot een god Deenst-
jahr hatt."
„Dat meen ik ok, Marten«! «Dat is je wahr,
de jung'n Lüd un all de Mannslüd in de besten
«Jahr'n fund för den Krieg dar; awer wi annern,
de nablowen fund, dörft ni vergeeten warrn
Gunst harr m«a«n all de ni so re«cht «mehr op de
Reken, de an d«e ote Kant keem'n. «Awer nu week
wi doch, wat jeder Mannsminsch to Hus weert is;
in Jsenbahnb,edri«ew markt man dat gans be-
sonners." —
„,Ok bi uns bi'«n Buern hebbt wi dat in dit
Jahr wull to şşeh«n kreg'n. «Wo harr dat w«ull ut-
sehn, wenn «wi Ölen ni we-en weern; dar is «nu
doch all'ns bit Seih'n un M«eih'n to rechten Tidd'n
«in de Reeg kamen, un de Ahrn hebbt wi god ünner
Dack un «Fack kr«egen. Wi wüllt awer ok ni ver-
get'n, dat de Fruensklüd god mit anfat hebbt."
„Wat «schulln de Oken «wull nix mehr wert
wesen! Dar lat na'n Krieg «mal «eener kam-en un
«so wat seggen! Uns H in d e n b u r g, vun de «wi
all so vest «hört h«ebb«t un de för de junge Welt dat
ward, wat sröh-er mal Badder «Blücher weer, is
ok wahrhiastig keen Jüngling mehr, «he hett uns
je n«och rech'n paar Jahr vörr«ut un feet wull all
op't Olendeel. «So neeg bi de söbentig schall he
all ween un denn segg mi noch ee«n«er, dat de -Ölen
ni mehr in Krieg to br«uken sünd? Un General
Kluck is ock «all 67 Jahr, as ik «nülich mal in't
«Blatt lest h«e!ff, Mackensen schall 65 wesen, litt all
de «annern, de >w«i« nu as H«eer«föhrers un Helden
«kennt, fund all öwer de besten Jährn rut, as man
hier bi uns «seggt un h«ebbt doch nu erst ehr Lewens-
«arbeid dahn«. Ik segg di, na den Kialenner alleen
«geiht dat uich, de Kerl schall dat maten. Wi «b«ei-
d«en wüllt uns freun, dat wi noch ntitdohn künnt!"
De beiden Frönn harrn bist «Snacken all lang
de Piep r«utkreg«en «un sectcn bist «Smöken un
Snacken op den Boom vun dat Heckdoor. Dat geev
je noch «so veel «to sn«acken, ob dat wull noch «op den
Balkan loogah«,: w«a«r uir ob dat den «Krieg bi uns
«wull läng«er maten «war «oder affkörten da.
Do keem noch e«en dr«ütten darto, Willem
«Stuhr. -So feeten dar nu dre«e op dat «Heckdoor un
snacken wieder «vun Krieg. Willem «Stuhr
awer'n annern Ton rin in de Uennerholung.
„Dat is je seker, de Begeisterung is weg b«i de
«Suldaten! So as dat toerst «weer, dar «markt «wi
n«u ni veÄ mehr vun; da«t schroew min Swieger-
söhn ok. Vergang'n Jahr üm ditz Tied, do h«ebbt
se noch ümmer dacht, to Wih«nachten weern se mit'n
Kram tor-echt «un keemen denn «weller to «Hus. Un
Nu staht wi all weller op lerrige Koppeln, noch
ümmer is dat Enn ni afstosehn; wo schall dat «wull
noch warn?" —
„«Son «Snack, Willem Stuhr, «mag ick eegentli
ni rech liàn," seggt Hein Kühl. „De Lud de so
«snackt, suackt süm Mund «bischuer-ns ok vörbi. Dat
kann in Ernst doch keen «Minsch denken, dat dat
«ganse Lutsche «Volk öwer «een gans Jäh«r in de
Stimmung is, as «wi dat verled'n «Summer in
August bilewt h«ebbt. Dat de -Suldaten, de «all so
un so veel mal inst «Füer west sünd, de Sak anners
anseht un den Krieg v«un Harten satt hebbt, is
dat e«en «Wunn«er? Wülk Lüd, de Flaumakers,
wüllt uns aw«er wiesmaken, d«at dat een heel stech
Teeken is för den Utaang. «Gswitz is dat mal
vorkamen, «as wi hört hebbt, in Flandern weer't
je wull, «as dat «dar op den Engelschmann losgüng,
dat ganse Batteljons vun junge «Friwillige mit
Gesang to'n Stor«m losgahn sünd. Awer wi schüllt
doch ni d-eNken, dat dat «all «Dag so gähn hett. «Bi
so'n «Storm op'n Fiend, dar sett doch jedereen «sin
Leben bi op't Spill." —
„Ik glow ok ni recht, dat dat din «Ernst weer,
Willem Stuhr, -wat Du «seggt heft", leggt Marten.
„Wi «weet doch all, bat de ; &üib an de Front, de
dar Dag un Nşaicht in Schütteng«r«awen liggt un
dagļbägli «den Ddd för «Ogen h«ebbt, d«at «Hurr«ah-
ropen, awer ok dat Flaumaken de« Lüd« to Hus
öwerlaten «doht, de dat ümmer ni gau n«och geiht.
Dar buten Loht se ehr «Arbeid «mit «Gckuld,
lltduer un told Blöd, un dat is doch de Haupsak.
«Wi to Hus schöllt sü«m dat danken «un ni verdenken,
wenn se so bilüttens mal «Heim-weh kriegt. Wi
schüllt süm awer de Akbeid un dat Iltholen dar
buten ni swarer malen, wenn wi schriewt. De
Haupsak is, Lat «wi Ölen hier to Hus uns Arbeid
„Wi wüllt -uns mit -uns Suldaten freun,
wenn't bald to een «golden Enn «g«eiht mit den
Krieg un wi all «uns Jungs weller «to «Hus he«Mt.
Wenn't «awer noch «mal «weller Winter warrn schall,
w«ard «wi bat «ok wull noch öwerkam'n, bet dat «ge-
nog is, as uns Kaiser «seggt hett,'dat wi se Löscht
hebbt." —
„Dat is een «Word", seggt de Olenkampsbüer,
„dat is doch vk din «Meenung. Willem Stuhr?"
„Junge", seggt de wat benaut, „jüm Leid'n
sirackt je beter as'n Pre«ester, «awer recht schüllt jüiir
beiden dit mial hem! Wi wüllt «uns Jungs dar
buten hier to «Hus nix nageiw«en!"
„Ra, ir«u ward dat wull bald Meddag, bet wi to
Hus kamt? «Ik glöv, wi hebbt uns hier rein fast
snackt. «Hein Kühl, mit de Brommelbeern «ward
dat hüt morgen -wull nix mehr?" seggt «Marteir
un klopp darbi de Piep ut.
Hein Kühl kehr ok weller mit «üm na't Dörp
to. „Ik kam min Trina schön to Hus; as ik weg-
günlg, h«eff ik «ehr noch fragt, ob «de^ Korw ok grod
genog weer, «un nu h«e!fs ik «garkeen pkückt!" —
Dis rvolgauixs. ^
Skizze aus dem russischen Volksleben.
Von E E s ch.
Nachdruck verboten.
„Aber Lisinka, wohin willst Du schon wiedM?
Bleibe doch hier, hilf uns beim Kuchenbacken!"
riefen die Schwestern, die, beladen mit grotzen
Kuchenblechen, dem Backhause zuschritten.
„Ich gehe «an den Flutz," sagte Lisinka, ohne
auch nur «einen Augenblick auf ihrem Wege iirite-
zuhalten, und bald war sie den Augen dar ihr
Nachblickenden entschwunden.
„Ich mag keinen Kuchen", murmelte sie trotzig
vor sich hin, „darum will ich auch keinen backen,
nnb ich freue mich nicht auf das Fest morgen, dar
um will ich nicht mit helfen, — und Lisinka mutz
immer tun, was sie will, — nicht ihr Wellen?"
fügte sie hinzu und warf einen Rosenzweig in den
Flutz, an dem sie nun angelangt war.
Eine mächtige, alte Weide stand am ^ Ufer,
deren Zweige tief auf das Wasser herabhingen.
Geschmeidig wie eine Katze klomm Lisinka an dem
rissigen Stamme hinauf und nestelte sich droben in
dem Gewirr der Zweige fest, mit denen sie bei der
leisesten Bewegung wie in einer Schaukel hin- und
herschwankte. Sie lachte hell auf, wenn die hüp
fenden Wellen fast ihre Sohlen berührten und
streckte den Kopf vor, um ihr Antlitz in den
glitzernden, dahinschietzenden Wassern zu spiegeln.
Da zog plötzlich eine Molke über die Sonne und
ebenso schnell verfinsterte ein Schatten Lisintas
Gesicht. Ein paair Tränen drangen aus ihren Au
gen. Sie sah wieder hinab auf die eilenden Wel
len und dann hinauf zum Himmel, in dessen blauer
Tiefe eine Schar Vögel dahinzog, nach Süden zu.
Lisinka schwang sich mit den Zweigen hin und
her, leise begann sie zu flüstern: „Ich darf nicht
mehr weinen und lachen, beinn morgen ist ja mein
Hochzeitstag! Dann binn ich gefangen uitd «a«lles
ist vorbei! Der Tod nur, der Tod macht mich einst
wieder frei!" »
Die Worte verhallten über den Wassern.
„Lisinka", klang es da plötzlich «und den Weg
zum Flusse kam ein junger Bauer in Festtracht
daher. Er sah sich nach allen Seiten um und ein
ärgerliches Zucken ging über sein Gesicht, als nur
das Rauschen der Wellen und das Schreien der
Vögel seinem Rufe aittwortete.
Er tr-ät dicht an das Ilfer und sah in den Flutz.
Sollten wirklich die alten Weiber im Dorfe, die
Lisinka, seine schölte, junge Braut, eine Wasserfra-u-
nannten, recht haben?
Kolja Jalkutkin sah sich forschend um, «er hatte
doch eben noch ihre helle Stimme zu sich« hittaus-
schallon gehört. Furchtsam blickte er wiàr ins
Wasser. Haschte sie sich wirklich dort unten zwi
schen den schäumenden, wirbelnden Wellen mit den
anderen Wasserfrauen und -Nixen, sang sie dort
ihre neckenden Lieder und spotteta seiner?
So beweglich war sie ja wie Wasser, so schwer
ztt fassen und zu halten wie eine Welle -und« so
schnell wechselten Lacheit und Weinen, -Ilebgrmut
und Schwermut auf ihrem Gesicht, wie auf dem
Wasserspiegel Licht und Schatten. Es flimmerte
vor sei wem Blicken, war das Lisinka, die dort un
ten ihr gelbes Haar schüttelte, datz es gleißte?
Von abergläubischer Furcht gepackt, floh er
davon. Ein neckendes Gelächter tönte hinter ihm
her. Aus dem grünen Zweigegewirr der Weide
glitt Lisinka ans den Boden herab. Sie kauerte
«amt User nieder, zog Schuhe und Strümpfe ab und
Uetz das Wasser über ihre weitzen Füße rinnen und
lachte nur, als sis von fern wieder ihren Namen
herüberschallen hörte.
„Ich komme noch nicht", murmelte sie. „Heute
bin ich noch nicht Dein, heute gehöre ich noch mir."
„Vöglein einsam im Bauer,
Herzchen einsam in der Brust.
Beide hatten große Trauer
Um die schöne Frühlingslust.
Um das Flattern, um das Wiegen
Ueber Berg und Tal umb Feld,
Um das Wandern, um das Flregett
Durch die weite, schöne Welt."
sang Lisinka zum Schnurren ihres Spinnrades.
Da trat Kolja, ihr Gatte, ein. Sein Gesicht hatte
einen finsteren und mürrischen Ausdruck, denn
seine Mutter, Marfa Euphemia und seine Schwe
stern Daja und Petronilla hatten ihm viel Böses
erzählt.
„Lisinka", sagte er, „Du warft gestern wieder
unten am Wasser?"
Lisinka« duckte sich ein wenig. „Gewiß mein
Herzchcm, ich war am Flusse, die Wäsche zu spülen."
Er trat herrisch mit dem Fuße «auf. „Aber ich
will es nicht, ich will es nicht", rief er wild. „Du
sollst nicht dort hingehen, Dich in den falschen Wel
len zu spiegeln und ihnen Deine Lieder vorsingen,
hörst Du wohl!". Er packte sie am Arm und
schüttelte sie.
Doch wie eine Katze entwand sich Lisinka sei
nem Griff, ihre Augen glühten. „Ich mag nicht
ins Dorf gehen und mit den alten Weibern
schwatzen", sagte sie trotzig. „Ich gehe, wohin ich
will. Die Wellen sind meine Freunde, sie erzählen
mir von den hohen, weitzen Bergen, von denen sie
herkommen, sie erzählen mir von den dunklcir
Wäldern, von der grünen Heide, durch die sie flie
ßen, und von dem grotzen Meere, zu dem sie hin
eilen. Glaube mir, es ist schöner «und ich höre es
lieber, wie das, was die Weiber im Dorfe
schwatzen."
Koljas Gesicht w«a,r erblaßt. „Hexe", keuchte
er. „Wasserfrau" und er wich vor ihr zurück.
Lisinka lachte. „Latz mich gehen und ich bringe
Dir auch «eine Handvoll Perlen mit, oder «einen
goldenen Fisch," sie wollte an ihm vorbei durch die
Tür schlüpfen. Aber er stellte sich ihr drohend in
den Weg. „Bleibe, Nixe, bleibe", sagte er, „auf
der festen Erde hast Du kerne Macht. Du gehörst
mir, ich werde Dich schon zwingen, von dem Zau-
berspuk zu lassen".
Er uursatzte sie mit seinen starken Armen und
trug sie in di«a nebeiran liegende Kamnter, dort
band er ihr die Arme mit einem Strick zusammen,
warf sie auf den Fußboden nieder und schlug bann
roh mit dem ledernen Riemen, den «er als Gurt
trug, auf sie los.
Sie krümmte sich unter seinen Schlägen und
schmiegte sich zusammen, wie ein Tier, aber sie gab
keinen Laut von sich. Etidlich ließ er von ihr ab,
ging zur Kammer hinaus und verschloß die Tür
hinter sich.
Lisinka schnellte vom Boden empor nnb die
Tratten stürzten jetzt unaufhaltsam übar ihre
Wangen. Sie eilte an das kleine Kammerfenster
und streckte in ohnmächtigem Zorn und Schmerz
die Arme nach dem lichten Abendhimmel aus, an
dem die rosig gefärbten Wolken, vom leichten
Winde getrieben, dahinflogen.
„Fort", flüsterte Lisinka mit heiserer Stimme,
„Ich «will auch'fortziehen, «weit fort, und sie «kau
erte sich nieder und begann mit ihren spitzen Zäh-