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20. November
1927
ķ^îS>uiL^LL->Sşr
Dsttèsche ĢläLLsr-
Für schleswig-holsteinisches Volkstum und deutsches Geistesleben.
MonaLsfchrifL der Schlsswig-HolstomischsK Landsszeîļmrg.
Großdentsch lind Älemdeutsch.
(Die Schleswig-Holsteiner Mid der großdeutsche Gedanke.)
von Dr. v ermann gen ah.
Pres. Will). Schußler hat in einer älteren Nr. der
«Deutschen Blätter" über die Bedeutung Deutsch-Oe
sterreichs für die deutsche Zukunft gesvrochen. Die
Grundlage, auf der sich der Artikel aufbaute, war die
Ueberzeugung von der Notwendigkeit des „Anschlus
ses". wie wir heute schlechtweg sagen, wenn wir von
der Vereinigung Oesterreichs mit dem Deutschen Rei
che reden. In der Bildung dieser Bezeichnung kommt
zum Ausdruck, ein wie wichtiges und geläufiges The
ma der öffentlichen politischen Debatte der großdeut
sche Gedanke in der Gegenwart darstellt. Ein Blick
auf seine Bedeutung in der Vergangenheit ist daher
wohl angebracht. Ist er ein Produkt der Nachkriegs
zeit oder schon älterer Herkunft? Als Erenzbewoh-
"er sind wir Schleswig-Holsteiner an dieser Frage be
sonders interessiert. Wenigstens möchte man glauben,
^atz die Grenzlage es ist, die eine von der des übrigen
Norddeutschlands abweichende Einstellung Schleswig-
Holsteins gegenüber dem österreichischen Problem 6c=
îoiïît. Prof. Schütz!er schreibt nämlich, daß „das über
wiegend protestantische Norddeutschland gleichsam in
einer solchen gesamtdeutschen Frage abseits steht." Das
stimmt für den doch auch in seiner großen Ueberzahl
vrotestantischcn Schleswig-Holsteiner nicht. Deutsch-
Oesterreich und seine Wünsche sind durchaus volkstüm
lich in unserem Lande. Das war schon vor dem
Kriege so. Einen starken Eindruck daran vermittelte
der Festabend im Stadttheater in Schleswig am 6.
Februar 1914. Beifall und Begeisterung waren dann
am herzlichsten und echtesten, wenn die Oesterreicher
sprachen oder ihnen gehuldigt wurde.
Mit der Defreiungsfeier 1914 und den Erinnerun
gen, die sie wachrief und wachruft, werden wir in eine
Schicksalswende Schleswig-Holstein« zurückgeführt. Zu
gleich aber auch in eine Zeit, die einen Brennpunkt
der großdeutschen Frage darstellt. Und wenn wir wei
ter zu der für uns so bedeutsamen Zeit von 18-18 zu
rückgehen, treffen wir auch da wieder aus das Lster-
^ìchische Problem.
Dies Zusammentreffen ist nicht rein zeitlich und
ŗein zufällig. Es rührt vielmehr daher, daß jedes
Ņrl, wenn die deutsche Frage, d. h. die Schaffung der
putschen Einheit, angesagt wurde, notwendig auch das
österreichische wie das schleswig-holsteinische Problem
aufgerollt werden mutzte, schon, soweit es sich um die
Grenzen des zu schaffenden Reiches handelte. Bei
Oesterreich kam dann noch das wichtige und so lange
Zeit hindurch verhängnisvolle Problem der deutschen
Führung hinzu. Jedenfalls, zwischen Schleswig-Hol
stein und Deutsch-Oesterreich, besteht eine Schicksals-
Verbundenheit in des Wortes eigentlicher Bedeutung.
Auch das ist ein Grund für uns, den Dingen des An
schlusses ein wenig zu den Wurzeln hinunter nachzu
fühlen.
I.
Die Zeit des Frankfurter Parlaments 1818—4').
„Des Vaterlandes Größe, des Vaterlandes
Glück.
O, schafft sie, o bringt sic dem Volke zurück!"
Diese Worte las man über dem Präsidentenstnhl
in der Paulskircke in Frankfurt. Indem sich die Ver
sammlung der Aufgabe hingab, diese Größe und dies
Glück zu schaffen, d. h. die Einheit Deutschlands zu be
wirken, sah sie inehr oder weniger deutlich zwei Hin
dernisse vor sich, die beide in de« österreichischen Frage
kulminierten-, die konfessionellen und die dynastischen
Kräfte im deutschen Staatenleben. Die Einigkeit der
Deutschen würde nicht gehindert durch das Sonverge-
fühl der einzelnen deutschen Stämme und Landschas-
ten. Die dadurch hervorgerufenen Gegensätze sind nie
mals stärker gewesen als beispielsweise der Unter
schied zwischen Rordsranzosen und Provcncalen. „Ha
ben in Frankreich diese landschaftlichen Gegensätze die
Ausbildung eines einheitlichen Eesamtstaates nicht
gehindert, so darf man auch nicht sac-en, daß sie in
Deutschland nicht hätten überwunden werden kön
nen."-) Das Zersplitternde lag einmal in der kon-
fesstonellen Zwiespältigkeit: die Katholiken wollten
keine ketzerische, die Protestanten keine papistische
Spitze. Derselbe Riß wie heute. Dazu kam aber da
mals die staatlich dynastische Frage: Was sollte herr
schen !m neuen Deutschland: das Preußen der Hohen-
zollsrn oder das Oesterreich der Habsburger? War
überhaupt diese Frage so zu beantworten? War nicht
vielmehr angesichts dieser Zweiheit von deutschen
Großmächten und Grotz-Dynasten lediglich ein Ent-
weder — oder möglich?
War die Frag« aber einmal so gestellt, daun konn
te die Entscheidung darüber, wer von beiden auszu
schließen sei, nicht zweifelhaft sein: Oesterreich! —
das lag an dem eigentümlichen Ausbau des österrei
chischen Staates, der die verschiedensten Nationen in
1848?
*)
E. Brandenburg:
Leipzig 1912.
„Die deutsche Revolution
sich vereinigte, die lediglich zusammengehalten wur
den durch den Willen der habsburgischen Dynastie,
sie alle zu beherrschen. Die Interessen der Dynastie
hatten in der deutschen Ostmark dazu geführt, daß die
se ihres Charakters als Teil Deutschlands mehr und
mehr entkleidet wurde. Das Schwergewicht im Reiche
der Habsburger lag garnicht in seinen dcutschstämmi-
gen Teilen,
Sollte nun aber ein deutsches National reich
geschaffen werden, daun konnte man die südosteuroyüi-
schen Jnteressenländer nicht gebrauchen, müßte viel
mehr fordern, daß die Oesterreicher von den Ungarn
und Slaven getrennt würden durch eine möglichst ef
fektive Reichsgrenze.
Zu dieser Forderung konnte oder vielmehr mußte
1848 jeder gelangen, der es ernst meinte mit der
Schaffung eines national einheitlichen Reiches. Da
neben aber gab es damals auch viele, die den inter
nationalen oder europäischen Charakter des Habsbur
gerreiches als einen garnicht unwillkommenen Anlaß
nahmen, die Vormachtfrage im neuen Deutschland durch
die Schaffung eines „Kleindcntjchlauds", also durch
den Ausschluß Oesterreichs zu lösen. Wir sehen
also, der großdeutsche Zustand ist der ältere,' klein-
deutsch ist eine Neuerung des 19. Jahrhunderts,' die
österreichische Frage begann als die des Ausschlusses.
Alan pflegt es immer so hinzustellen, als ab der
kleindeutsche Gedanke 1848—49 gesiegt hätte. Gesiegt
hat in der Paulskirche schließlich nur die „preußische
Spitze." Der Ausschluß Oesterreichs wurde bewirkt
lediglich durch die Weigerung der österreichischen Dy
nastie, auf die eben kurz skizzierte Forderung bezüglich
der außerdeutschen Länder (8 2 der deutschen Reichs-
werfafsung von 18-19) einzugehen. Ob man aber dies
Ergebnis als ein von der Mehrheit der Paulskirche
Gewünschtes hinstellen kann, erscheint mir fraglich. —
Der eben erwähnte § 2 der Reicksverfassung^)
hat für den Schleswig-Holsteiner nicht bloß Beziehung
aut die österreichischen Verhältnisse — so erscheint er
den deutschen Historikern im allgemeinen. Wir kön
nen den Wortlaut dagegen nicht leien, ohne an die da
malige Lage unseres Landes zu denken. In der
schleswig-holsteinischen Verfassung vom 15. September
1848, die also der Beratung in der Paulskirche voran
geht, finden sich z. B. die gleichen Bestimmungen, z. 23.
in Artikel 5.
Staaten geben meist an dem System zugrunde,
durch das sie emporkamen. Das Dattel zum Zweck
wird Selbstzweck und zerstört seine eigene Schöpfung.
Wenn wir nun hören, daß die Frankfurter Be
stimmungen durch die Professoren Dahlmann und
Dropsen, beides Zlbgeordnete für Schleswig-Holstein,
diese Fassung erhalten haben, werden wir um so siche
rer annehmen können, daß in der Paulskirche bei
jenen Bestimmungen an Schleswig-Holstein ebenso
wie an Oesterreich gedacht ist. Noch deutlicher wird
das im 8 3***). dessen Inhalt auf Oesterreich weniger
paßt,' dort residierte der Monarch ja auf deutschem
Boden. Er erhält, was deutschen Geschichtsschreibern
nicht immer bekannt ist, erst sein volles Licht durch die
Artikel 48—54 des schleswig-holsteinischen Staats
grundgesetzes vom 15. 9. 48. —
Diese Erörterung scheint vom Thema abzuführen
Das ist indes nicht der Fall. Die kurzen Anleitungen
über den Ursprung der 8 2 und Z der Frankfurter
Verfassung beweisen nämlich, daß diese Bestimmungen
nicht getroffen sein können, um den von ihnen berühr
ten Staat aus Deutschland herauszudrängen: soweit
sie an Schleswig-Holstein dachten, haben die Urheber
der §8 das sicher nicht im Sinne gehabt. Man müßt«
also, wenn mau der herkömmlichen Auffassung über
die grotzdeutsche Frage im Frankfurter Parlament
folgt, annehmen, daß der Verfasssungsausschuß mit
denselben Bestimmungen Schleswig-Holstein bei
Deutschland festhalten, Oestrcreich dagegen abstoßen
wollte. Das erscheint doch sehr künstlich. Kleindeutsch
in dem Sinne, daß man den Anschluß Deutsch-
Oesterreichs an das zu schaffende Deutschland für un
erwünscht gehalten hätte. mar man in der Paulskirche
überhaupt nicht. Die Schwierigkeit erscheint erst aus
der Verbindung Deutsch-Oesterreichs mit den anderen
Nationen der Monarchie, die durch das Herrscherhaus
festgehalten wurde. Also auch hier wieder die Dyna
stie, nicht das Stammestum als Hindernis der Ein
heit. Bei einer Lage wie der heutigen
hätte es 1848 einen inneren Streit zwi
schen G r o ß d e u t s ch und K l e i nd e u t s ch
nicht gegeben. Man weiß, wie der Reichs
gründungsversuch von 1848 weiterging: Am 8. März
1849 verlangt Schwarzenberg die Aufnahme der ge
samten, von ihm inzwischen wieder stabilisierten
Donaumonarchie ins Deutsche Reich — eine Unmög
lichkeit für die Paulskirche: ein Eroßdcutschland aut
dieser Grundlage war freilich ausgeschlossen. Damit
war aber die Reichsgründung überhaupt gescheitert,
aus zwei Gründen: einmal war der zum deutschen
**) Hat ein deutsches Land mit einem nicht
deutschen Lande dasselbe Oberhaupt, so soll das deut
sche Land eine von dem nichtdeutschen Lande getrennte
eigene Verfassung. Regierung und Verwaltung haben.
In die Negierung, des deutschen Landes dürfen nur
deutsche Staatsbürger berufen wcrdcil. Die Reichs
verfassung und Rcichsgesetzgebung hat in einem solchen
Lande dieselbe verbindliche Kraft wie in anderen
Ländern.
***) Hat ein deutsches Land mit einem nicht-
deutschen Lande dasselbe Oberhaupt, so muß dieses
entweder-in seinem deutschen Lande residieren,
oder es muß auf verfassungsmäßigem Wege eine Re
gentschaft niedergesetzt werden, zu der nur Deutsche
berufen werden können.
Der Müller von Hbeinsbaaen.
Historische Skizze von Otto A n t h e s.
Als Fritz, der Kronprinz, seinen Musenhof in
Rheinshagen hielt, mußte er allmonatlich zweimal auf
mehrere Tage aus feinem van Knobelsdorf in die mär
kische Kargheit Hineingebauten Schloß, aus seinen chi
nesischen Zimmern und von seinen smnzösischen Nä
hern fort, um auf dem Paradeplatz von Neu-Ruppin
sein Regiment brandenburgischer Grenadiere selbst zu
drillen. Da er sein Lebtag nur ungern zu Pferde saß,
trug ihn dann sein Wagen nicht immer sanft, aber
ziemlich schnell auf der sandigen Straße die paar Mei-
len hinüber. Einmal, nicht weit hinter Zechow, brach
de! einem Stoß auf eine versteckte Bauuiwurzel die
Achse. Kutscher, Lakai und Leibjäger versuchten, den
Şchaden notdürftig zu heilen, aber es gelang nicht. Da
lief der Jäger nach dem nahen Rheinshagen und
brachte auch bald den Müller mit einem Leiterwägel
chen, um den Prinzen, so gut oder so schlecht cs ging,
"K sein Ziel zu schaffen. Denn das Regiment war be-
şiellt, uņd Eile tat not.
. Bef şgchj uiederrleselndem Regen stieg der Prinz
?! pe Karre, wickelte seine kleine, schmächtige Gestalt
,n bcn Mantel und ließ sick in schlecht beherrschtem
ņrc'terrumpelr auf der kläglichen Straße, deren
sonderliĢeîà e* erst jetzt recht zu spüren bekam,
ang« aber ertrug e: es nicht, so Kumm zu leiden: es
y'Sö seine üble Laune mit leichtem Spott an dem
Müller auszulasten.
„Schoner Sand!" sagte er, indem er dem Mann
auf den Rucken tippte.
„ZU, gab der Müller über die Schulter weg zur
Antwort, „der Sand j s jut. Bloß bot man so wenig
druff wächst."
Der Prinz lachte boshaft, kind nach einer Weile,
indem er den Wald, der mürrisch und farblos zur Seite
stand, mit einem Blick streift, fuhr er fort: „Herrliche
Bäume!"
„Ja", sagte der Müller, „die Kiefern sind wirklich
schön. Wenn da so die Sonne druff scheint, denn is
kat lustiger, als wenn se drüben in Rheinsberg Iar-
tcnfest machen mit Feuerwerk. Und erst wenn se —
die Kiefern — im Winter im Kachelofen brummeln,
denn spürt man, wat der liebe Jolt mit ihnen im
Sinn hat."
„Mon dien," dachte der Prinz, „macht sich der
Kerl über mich lustig, oder meint er das im Ernst so?"
Eine Weile saß er schweigsam und nachdenklich.
Dann sing er von neuem an: „Hat Er viel zu tun in
seiner Mühle?"
„Iott," erwiderte der Mann, „et laß! sich so. Wenn
mehr wachsen wallte, Hätt ick ooch mehr ze mahlen."
„Hm!" machte der Prinz. „Der König hat Ge
genden, wo den Bauern der Weizen zum Fenster rein
wächst Möchte Er da wohl einen Hof haben?"
„Ree," sagte der Müller, „dai möcht ick doch nich
versuchen."
„Warum nicht?"
„Ick hatt eenen Bruder." fing der Mann be
dächtig an. „der war so'n bisken en miruhigt Blut. Da
is er denn in die weite Welt jejangen, bis rüber nach
Mecklenburg. Da hat er in eenen schönen jroßen
Bauernhof rinjeheirat'. Awwer et littst, woll nich so
recht mit die Frau un ooch sonst — -bat weeß ick?
Eenes schönen Dags is er wieder zu Hause, legt sich
hin un stirbt. Wat soll ick Ihnen sagen - wo er so
in die letzten Züge lag. da hat er immer bloß vor sich
hingebrummelt: „Die Mühle, die Mühle! Dat ick dat
noch mal wieder höre!" — Wenn man mich uff Ehre
und Jewissen befragen wollte, dann wollt ick dal be
schwören dat er an nischt anderes jestorbcn is als
an die Fremde."
Er zuckte die Achseln und verstummte.
„Großer Gott," dachte der Prinz, jetzt ganz auf
deutsch, „dies Volk stirbt um fein Land.
Um so ein Land!"
Slber als er nun den Blick von dem breiten Rücken
des Müllers zur Seite wandern ließ. erschien ihm die
Landschaft mit einem Male längst nicht inehr io ver
drossen und öde wie vordem. Die Bäume standen
lichter — man nennt es dort den „grünen Grund" —,
in der Tiefe sah man den Rhin und die Wiesen, die
sich zu beiden Seiten des Flüßchens ausbreiteten,
Birken standen zwischen den Kiefern und Föhren und
lachten mit dem heiteren Weiß ihrer Stämme durch
den Waldgrund: und all die unruhigen, ehrgeizigen
Alexanderpläne, die tagaus tagein in dem Prinzen ru
morten und auf der Platte seines vergoldeten Schreib
tisches im Turmzimmer zu Rheinsberg schon manchen
Bogen Papier gefressen hatten, sie verwandelten sich
unversehens, gingen auf und wurden eins mit einer
großen stürmischen Zärtlichkeit, wie' er sie noch nie
empfunden halte.
Er sprach kein Wort mehr auf dem Rest des Weges.
Aber als er in Neu-Ruppin vom Wägelchen kletterte,
drückte er dem Müller zwei harte Taler in die Hand.
„Mach er sich einen guten Tag dafür!" sagte er
recht gnädig.
„Nee," schüttelte der Müller den Kopf, indem er
die Geldstücke schmunzelnd betrachtete, ,ch!e jeh ick mei
ner Frau Die hat sich schon lang en.Neuei Wams je
wünscht vcr'n Ktrchjang." —
Wie der Prinz nachher, auf dem Paradeplatz die
Front seiner Grenadiere abschritt und in all die guten
harten verschwiegenen Bauerngesichter sah, ging es ihm
durch den Sinn: Daß man mit diesen Kerls die Welt
erobern könnte, dos hab ich mir immer gedacht Aber
wäre es nicht noch größer und schöner, sagte er sich,
für solch ein Volk und Land zu leben und zu sterben,
es mächtiger und ein klein wenig reicher und glück
licher zu machen? —
Ob er später, fragt sich der Chronist, als er zwischen
Wallen und Müssen alle Seligkeit und alles Grauen
des Weltgeschichtemachcns durchkostete, ob er sich da
wohl einmal des Müllers von Rheins ha gen erinnert
hat?
Ein unbekannter Brief
Emil Nolöes.
Germania-Hotel Bremen, 14 9. 11.
Sehr geehrter Herr!
Unsere Malerei im neunzehnten Jahrhundert wird
für die Zukunft wohl nicht allzu viel bedeuten, denn
sie steht fast ganz im Schatten der altcn-großen Mei
ster, oder auch ist sie abhängig von dem franzöftischen
Impressionismus. Nur die Franzosen allein haben im
letzten Jahrhundert bewiesen, daß neben der alten
Kunst eine unabhängige neue große Kunst entstehen
kann. Ich finde es herrlich, daß van ihrer bedeutend
sten Malerei — von Manet, Degas, Cezanne, Gauguin,
van Gogh — manche der schönsten Bilder für Deutsch
land erworben sind. Bedauerlich aber ist es, daß so
viele dem Süßlichen zuneigende Werke — vvn Monet,
Renoir. Sisley und oft auch Rodin — zu uns gekom
men sind.
Maler Vinnens Worte richten sich, soweit es die
Maler betrifft, hauptsächlich gegen das Wirken der
Berliner Secession und die Bestrebungen der jungen
deutschen Maler. Die Berliner Sccşņ hat seit ihrer
Gründung durch ihre Ausstellungen stets und eifrig
betont, daß die Franzosen di« ganz großen Maler seien
und sie die Halbgroßen. Das ist richtig. Nur leider
wurde dadurch dauernd das Gefühl der Abhängigkeit
genährt« und ihr ganzer Nachwuchs verfiel einem un
sicheren Hin- und Herwanken, von einem großen Vor
bild zum andern.
Wenn unsere Kunst gleichwertig oder bedeutender
sein wird, als die französische, dann wird sie auch, ohne
es besonders zu wollen, ganz deutsch sein. In der In
dustrie, dem Handel, der Wissenschaft, u. a. sind wir
allmählich nicht nur gleichwertig, sondern vorbildlich
geworden und haben Selbstbewußtsein. In der Kunst
wird Celeiches kommen, alle schönsten Vorbedingungen
sind der Nation eigen.
Die Generation, welche nach der Secession kommt,
und die Vinnen verkennend so sehr mißbilligt, weiß,
daß ihr die Erfüllung großer Aufgaben zufällt. Mit
Hingabe arbeite! sie intensiv und stark.
Hochachtungsvoll Emil Nolde.
(Aus „Emil Nolde. Briefe aus den Jahren 1894
bis 1926. Herausgegeben von Max Sguerlandt." —■
Erscheint demnächst im Furche-Kunstverlag).