288
Doctor , der von seiner Praxis leben muß , kann gegen arme Kranke eben so großmüthig sein , als ein reicher , er kann in seiner Art noch mehr leisten , als dieser , wenn er reichen , gut - gesinnten Freunden hilft , ihre Wohlthaten passend zu verwen - den . Wäre ich an Graf Harrach's Stelle gewesen , so würde ich Rang und Namen abgelegt haben , um zu versuchen , was ich ohne diese geleistet hätte ; aber das konnte er nicht , er liebte sein Vaterland , wo man ihn überall gekannt hätte , und dann gab ihm sein Stand Gelegenheit , in den Unglücksjahren von 1805 und 1809 mehr zu leisten , als andere Aerzte .
Mit diesen und anderen Gründen suchte ich mir und Anderen zu beweisen , daß wir keine Ursache hätten , Graf Harrach zu beneiden . Aber es kam die Zeit , wo ich es doch that , als ich anfing zu practisiren , als die Leute kamen und fragten : Herr Doctor , was bin ich Ihnen schuldig ? Die Ge - fühle , welche mir diese Fragen erregten , sind nicht ohne Ein - flnß auf meine Carriere gewesen .
Nachfolger hat Graf Harrach nicht gefunden . Es giebt viele seines Standes , die sich von der lebenswarmen Heilkunst angezogen fühlen , aber sie studiren nicht , wie er , Median und übernehmen nicht die Leitung einer öffentlichen Heilanstalt , deren Erfolge Jedermann erfährt , von der man nicht sagen kann , wie Dr . Faust : Und Niemand fragte , wer genas ? wo man zeigen muß , daß man anderen Aerzten ebenbürtig sei . Sie euriren lieber im Stillen , vertheilen Pflaster für alle äußeren Schäden und Tropfen oder Pillen für alle inneren Krankheiten , und machen Propaganda für Homöopathie oder Hydriatik . In allen Gegenden Deutschlands , die ich bewohnt habe , gab es gräfliche oder freiherrliche Familienpflaster , man könnte jedes Jahrhundert einmal damit eine Pharmacopoea nobilis anfüllen . Es handelt sich dabei meistens , wie bei den Volksmitteln , um die weggeworfenen Kinderschuhe der Heilkunst