Heidelberger Aussichten . Hochzeit .
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gend unsres Thals - [ R . 19 X 76 ] . Zwar setzte gerade in diesen Monaten sein altes nervöses Leiden wieder ein . Aber er fühlte sich nun durch die »weiche Hand eines unbedingt liebenden Wesens« über alle Widerwärtigkeiten hinausgehoben , ja , ausgehoben über sich selbst und seinen »ungebärdigen Sinn« . Tief , fast bang empfand er die Grösse der neuen sittlichen Aufgabe , vor die er sich gestellt sah . Er sei ja »ein so diger Mensch« , dass er selbst von sich nichts Bestimmtes sagen , für sich nicht einstehn könne ; aber die Aufforderung , diesem Wesen , das in seiner innigen , still aufnehmenden Art ihm so wohl thue , wieder wohl zu thun , solle ihm allzeit als die ernstlichste Pflicht des noch übrigen Lebens gelten . Leider zwang ihn seine Unpässlichkeit , eine Reise nach Rostock , wo er mit seiner jungen Braut das Weihnachtsfest verleben wollte , aufzuschieben und aufzugeben1 . So wurden die Ferien recht trist« für ihn und seine »arme kleine Braut in Rostock .
Inzwischen war an ihn , ehe er sich »in die Jenensia noch recht hineingelebt« hatte , schon wieder eine vertrauliche frage herangetreten : es ist das erste Mal , dass er seinen Blick auf Heideiber g zu richten veranlasst wird , nicht in der alten Wander - und Reisestimmung , sondern mit dem Gedanken ernd und im eigentlichsten Sinne sesshaft zu werden ; gerade die Erwägung , »es könne docli immerhin möglich sein , dass er zum Herbst nach Heidelberg umsiedeln müsste - , veranlasste ihn , den Termin für seine Hochzeit noch über die Osterzeit , die er in Rostock verlebte , hinauszurücken . »Ich fühle mich eigentlich in Jena ganz wohl« schrieb er damals an Ribbeck , unvergleichlich viel wohler , als in Kiel . Doch würde ich mit Freuden nach Heidelberg übersiedeln , wenn Sie auch dort bleiben . Aber ich könnte das freilich nicht ohne eine liche äussere Verbesserung meiner Lage . Als Einzelner war ich hierin ziemlich gleichgiltig : wenn ich mich nun verheirathe , ist die Lage eine ganz andere . « Jene Hauptbedingung er -
1 »Ich bin noch zu schwach ziim Reisen und Festfeiern nach ver mecklenburgischer Art , mag auch dort nicht den Störenfried machen« [ R - ] Auch in diesen Jahren spricht er von seinen Sorgen und Leiden in den Briefen an Nietzsche kaum mit einem Wort , wohl aber in denen an Ribbeck und andre Freunde . Ihn leitet jener Herzenstakt , den wir schon an ihm kennen gelernt haben ( S . 63 ) .