Full text: Erwin Rohde

Häusliches Leben . 
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Nietzsche nahstehende Menschen schrieb , um dem den Dulder nicht »mit dem Almosen des Mitleidens« lästig zu fallen . Wie Nietzsche zum 9 . Oktober »mitten in seinen Qualen daran gedacht hatte , dem Freunde ein Zeichen seiner Liebe zu schicken« , sogalt seinem Geburtstage die erste weh - miithige Feier in ßohdes Hause . »Ich schreibe ihm zu diesen Tagen nicht , weil er ja doch meinen Brief nicht lesen dürfte : sagen Sie ihm wenigstens , dass , wie vieler Menschen Gedanken , die er sich durch seine Schriften gewonnen hat , so gewiss nicht zuletzt alle Gedanken meines Herzens an diesem Tage bei ihm sein werden . . . Nur ein kleines Symbol des Zusammenhangs soll es doch sein , wenn am Mittag ich mit meiner jungen Frau — die ihn liebt , weil sie weiss , wie ich ihn liebe — anstossen werde — ach Gott auf sein Wohl ! und gewiss doch aufsein Wesen und seinen Werth , die nie verloren gehen noch trübt werden können . « [ 0 . 13 X 77 . ] 
Bei seiner »bildsamen , unsäglich herzlichen Frau« konnte er allzeit sicher sein , für seine Stimmungen einen reinen hall zu finden1 . Nach einer idyllischen Schilderung seines jungen Eheglücks in einem Briefe an Ribbeck ruft er lich aus : »es ist wahrhaftig Alles angethan , um einen Satten und Zufriedenen aus mir zu machen , der ich hoffentlich noch nicht werde . « In dem Sinne , den er hier im Auge hat , ist er's nie geworden . Sein Lebenswerk zeigt , wie lich er gewählt hatte . Was er in den zwei Jahrzehnten 
1 »Ich fühle es selbst an meiner Person , welch ein tiefes Glück der Besitz eines Menschenherzen ist , in dem aller Widerspruch und Hader , Anstoss und Missverständnis der Welt da draussen schweigt , und nur lauterste Liebe , ohne Markten und Bedingungen wohnt : ich habe stets das Gefühl , dass es Einem nun ganz übel nicht mehr werden könne« [ 0 . 5 X 77 ] . Derselbe Ton klingt aus den Briefen an Rühl und Ribbeck ; bar gedämpft wird er in denen an Nietzsche : ich glaube darin etwas wie die Rücksicht auf den einsamen Freund herauszuhören . So heisst es einmal [ N . 15 II 78 ] : »Im Uebrigen ist der Ehestand eine nachdenkliche Sache ; es ist unglaublich , wie er altern lässt : denn man steht nun auf einem gewissen Gipfel , über den nichts mehr hinausliegt : nicht mehr wie sonst wartet man jeden schönen Tag auf den Boten Gottes , der Einem direct das Paradies in's Zimmer tragen soll ; man erwartet kaum irgend etwas noch ; und das hat seine grossen Vorzüge und grossen Bedenken , und muss wohl , langsam und täglich wirkend , allmählich den Menschen sam umgestalten . «
	        
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