102 Abschied von Jena . Tübinger Anfänge . Antrittsrede .
eines Kindes in allen Lichtern und Lagen gesehen« und in dem er sich eben ein friedevolles Heim gegründet hatte ; man pfindet es bei seinen brieflichen Aeusserungen deutlich , wie er , um sich innerlich loszulösen , sich selbst recht eindringlich die Mängel seiner damaligen Lage zu Gemüte zu führen sucht ' . Schliesslich erleichterten ihm die alten verdriesslichen rungen in der Fakultät den Abschied2 .
So ging Rohde — trotz der praktischen Schwierigkeiten , die »das Nahen der Eileithyia« für die Uebersiedelung mit sich brachte — getrosten Muths den neuen Verhältnissen entgegen ; »namentlich Schwabe wird mir ein sehr guter lege sein , wie ich mit Bestimmtheit annehme« , [ R . und 0 . 10 VII 78 . ] Die Antrittsrede , vor der nach dem Tübinger kommen Facultät und Senat dem Berufenen verschlossen bleibt , wurde mit frischem Schwung gleich in den ersten Wochen entworfen . Rohde sprach ( am 14 . November 1878 ) über 'die Methode der Forschung in griechischer geschichte' 3 ; beschäftigten ihn doch eben jene glänzenden suchungen , durch die er der litterarhistorischen Kritik neue Ziele und Wege eröffnet hat . Aber die ersten Eindrücke in dieser neuen , dem Norddeutschen und Grossstädter ganz und gar fremden Welt enttäuschten und entmuthigten Rohde doch auf's äusserste . »Anfangs wollte es uns , und mir im besonderen , hier absolut nicht gefallen und ich konnte mich über den übereilten Entschluss , Jena zu verlassen , nur durch die weise Betrachtung trösten , dass , wäre ich dort geblieben , ich ohne Zweifel mich tausendmal nach Tübingen als einem verschmähten Paradies gesehnt haben würde . Allmählich aber bildet sich auch hier um die liebe Seele eine Art von Callus , sie gewöhnt sich an die unbehaglichen Berührungen , welche die traurig un -
1 »Jena schläft allmählich an Blut - und Geldarmuth ein . . . Diesem Process beizuwohnen , die immer steigende Misère täglich mit anzusehn , hat etwas Peinliches : und das war ein Grund mehr für mich , fortzu - gehn« [ R . 21 VII 78 ] .
2 »Moriz [ Schmidt ] entwickelt seine alte Taktik einer gewissen zähen Schläfrigkeit . . . Er kann sich dabei immer auf eine Majorität in der Facultät verlassen« u . s . w . [ R . ] .
3 Ein Bericht in der 'Schwäbischen Kronik' , dem Beiblatt zum 'Schw . Merkur' . Mancherlei einschlägige Ausführungen bringen die Briefe aus diesen Jahren , besonders die an Rühl .