Full text: Erwin Rohde

114 
Aeusserungen über Nietzsche . 
Einsiedlers einen Ausweg und eine Bethätigung suchte ; dass , wer diese Schriften anrührte , seiner Persönlichkeit zu nahe trat . Yon nun an sali sich Rohde — der sich sonst auch brieflich im Ausdruck gern gehen liess — jedes an Nietzsche gerichtete Wort darauf hin an , ob es dem Freund nicht wehe thun könne ; er gewöhnte sich , con sordini zu schreiben . Mit Genugthuung empfand er aber , wie diese Schriften in ihrem überquellenden Reichthum Manches brachten , was er sich , wie in alten Zeiten , ganz persönlich anzueignen vermochte . Und so wenig er zum Propagandamachen geneigt war , so suchte er doch die merksamkeit von Freunden , wie Ribbeck , Rühl oder Volkelt1 auf Nietzsche's Schriftstellern zu lenken . 
»Der Armei schreibt er an Rühl »leidet fürchterlich an seinen fast völlig blinden Augen und an Kopfschmerzen : von Störung seiner Vernunft ist nicht die entfernteste Spur . Lesen Sie nur — nicht um das zu constatiren , sondern um haupt eines der merkwürdigsten und lesenswerthesten Bücher zu lesen — sein neuestes Buch : „ Der Wanderer und sein 
Schatten " Sie werden darin reden hören einen 
Menschen , der . . . die Welt nur noch mit den Augen seines Geistes sehen kann , aber an Tiefe , Feinheit , Klarheit und Besonnenheit ( soweit seine stets stark einseitige Weise das zulässt ) immer nur noch gewonnen hat seit seinen Jugendschriften . Seinen Freunden muss das Buch trotzdem einen tief schmerzlichen Eindruck machen ( was haben wir Alles zusammen durchlebt ! ) : aber es würde mir höchst voll sein , wenn ich einmal erführe , welchen Eindruck lich solch ein Buch auf einen ganz Fremden , aber zu ständnisvoller Aufnahme . . . befähigten und unbefangen reiten Mann macht . Auf jeden Fall : sein Verstand ist nicht nur reicher , sondern auch fester , als der von tausend schen Holzköpfen« [ Rü . 25 IV 80 ] . »So viel Muth und heit und Feinheit« — hatte er kurz vorher an Nietzsche schrieben — »und ein so hoher Adel des Sinnes , dass er es wagen kann , allem artig thuenden Geberdenwesen zu entsagen ; ein so freier und reiner Blick in die Welt — aber aus einer 
1 „ Es war in Klosters 1884 , wo mich R . mit warmen Worten zum Lesen des Zarathustra , den er mit sich führte , bewog " ( Volkelt ) . Vgl . unten S . 125 .
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.