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Aeusserungen über Nietzsche .
Einsiedlers einen Ausweg und eine Bethätigung suchte ; dass , wer diese Schriften anrührte , seiner Persönlichkeit zu nahe trat . Yon nun an sali sich Rohde — der sich sonst auch brieflich im Ausdruck gern gehen liess — jedes an Nietzsche gerichtete Wort darauf hin an , ob es dem Freund nicht wehe thun könne ; er gewöhnte sich , con sordini zu schreiben . Mit Genugthuung empfand er aber , wie diese Schriften in ihrem überquellenden Reichthum Manches brachten , was er sich , wie in alten Zeiten , ganz persönlich anzueignen vermochte . Und so wenig er zum Propagandamachen geneigt war , so suchte er doch die merksamkeit von Freunden , wie Ribbeck , Rühl oder Volkelt1 auf Nietzsche's Schriftstellern zu lenken .
»Der Armei schreibt er an Rühl »leidet fürchterlich an seinen fast völlig blinden Augen und an Kopfschmerzen : von Störung seiner Vernunft ist nicht die entfernteste Spur . Lesen Sie nur — nicht um das zu constatiren , sondern um haupt eines der merkwürdigsten und lesenswerthesten Bücher zu lesen — sein neuestes Buch : „ Der Wanderer und sein
Schatten " Sie werden darin reden hören einen
Menschen , der . . . die Welt nur noch mit den Augen seines Geistes sehen kann , aber an Tiefe , Feinheit , Klarheit und Besonnenheit ( soweit seine stets stark einseitige Weise das zulässt ) immer nur noch gewonnen hat seit seinen Jugendschriften . Seinen Freunden muss das Buch trotzdem einen tief schmerzlichen Eindruck machen ( was haben wir Alles zusammen durchlebt ! ) : aber es würde mir höchst voll sein , wenn ich einmal erführe , welchen Eindruck lich solch ein Buch auf einen ganz Fremden , aber zu ständnisvoller Aufnahme . . . befähigten und unbefangen reiten Mann macht . Auf jeden Fall : sein Verstand ist nicht nur reicher , sondern auch fester , als der von tausend schen Holzköpfen« [ Rü . 25 IV 80 ] . »So viel Muth und heit und Feinheit« — hatte er kurz vorher an Nietzsche schrieben — »und ein so hoher Adel des Sinnes , dass er es wagen kann , allem artig thuenden Geberdenwesen zu entsagen ; ein so freier und reiner Blick in die Welt — aber aus einer
1 „ Es war in Klosters 1884 , wo mich R . mit warmen Worten zum Lesen des Zarathustra , den er mit sich führte , bewog " ( Volkelt ) . Vgl . unten S . 125 .