Full text: Erwin Rohde

Aeusserungen über Nietzsche . 
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solchen Ferne von allem irdisch Derben und Trivialen ; wie mit geschlossenen Augen siehst Du die ganze Fülle der Welt und das menschliche Treiben , richtig aufgefasst , aber ohne selbst von ihm umgetrieben . . zu werden ; und das thut dem Leser wehe , wenn er Dich lieb hat und aus jedem Worte seinen Freund reden hört . . . Aber in Wahrheit wollen wir uns einander freuen , dass Deine Schattengespräche Dich so hoch und fern von allem Persönlichen forttragen : so lange Du Deine Gedanken concipirst und ausbildest , muss dich ja die digung , so etwas zu finden und zu können , ganz ausfüllen . . . « 
Das waren Worte , die dem »Tausendkünstler der überwindung« , der täppisch zudringlichem Mitleid gegenüber immer empfindlicher wurde , wahrhaft tröstlich in die Ohren klangen . So trat Rohde immer wieder den an seine Thür pochenden litterarischen Gaben Nietzsche's mit offenem Sinn und innerlichster Theilnahme entgegen . Aber es währte oft lange , bis er den rechten Augenblick fand , um »diesen so weit getrennten und so ganz auf das Spiel mit seinen einsamsten Gedanken eingeschränkten Freund etwas zu sagen , das bis zu ihm dringen könne« ; er habe selbst bei solchen Gelegenheiten immer das Gefühl , nicht fertig und in einem unbehaglichen Flusse zu sein , so stark , dass es ihm fast körperlich unmöglich werde , dem Andern , der sich »mit seinem eignen , so viel energischeren Werdeprocess abquäle« etwas Vernünftiges zu antworten . Ein Brief »in dumpfer Stunde geschrieben« , gab Nietzsche 1883 , bei dem Erscheinen der 'fröhlichen Wissenschaft' , den ersten Anlass zu einer Verstimmung , während es Rohde kaum fassen kann , dass er »in bester Meinung seine Schmerzen vermehrt habe« 1 . 
1 »Ich wünschte ihm Glüclc zu wirklicher Durchdringung mit seinen neuen Anschauungen , die früher oft etwas nur Gewolltes gehabt haben , nun aber wirklich seine Natur geworden zu sein scheinen ; das sönliche seines Buches erfreute mich , besonders der Hauch nener Gesundheit und eine Art Heiterkeit darin« [ 0 . 1 I 83 ] . Nietzsche scheint in jenen Aeusserungen etwas wie Missachtung gefunden zu haben , während Rohde sich bewusst war , dass er »seinem hohen Flug mit wunderung und mit allervollständigstem Verständnis nachblicke , auf mich , nicht auf ihn zürnend , wenn meine ganze Anlage und dazu die . . vom eignen Selbst abziehende Art unserer Amtsarbeit es mir lich machten , ihm zu folgen , oder gar ihm nachzuthun . « Wie hoch spannt Nietzsche's Stimmung schon damals war , zeigen die Briefe ( an v . Gersdorff S . 240 , M . Baumgartner S . 294 ) . 
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