Verhältnis zu R . Wagner . Gesellschaftliches Leben in Tübingen . 119
class er sich in seinen persönlichen Ueherzeugungen hätte binden lassen . Aber es blieb für ihn das erhebendste Ereignis seines Lebens , dass er einem Genius , wie Wagner , sich persönlich hatte nähern dürfen ; er kannte keine tiefern künstlerischen Eindrücke , als die waren , die er von den Festspielen mitnahm . Nietzsche , der auch auf diesem Gebiet eine scharfe kung bis zum Frontwechsel vollzogen hatte , hielt mit seinen ketzerischen Meinungen nicht hinter dem Berge ; schon in den 'Vermischten Meinungen und Sprüchen' geht er zu offenem Angriff vor1 . Rohde , als reiner Dilettant in musikalischen Dingen , glaubte sich nicht berechtigt , dem Freunde ( wie dern Anti - Wagnerianern' ) auch nur mit brieflichen Einwänden entgegenzutreten . Aber er hielt fest , was er hatte : Nietzsche un d Wagner blieben ihm »die beiden geliebtesten Menschen«2 .
So schweiften Rohde's beste Stimmungen und Gedanken auch in diesen Jahren immer wieder hinaus über die enge Welt , in die er hineingestellt war . Aber er begann doch , die Schlichtheit und Gesundheit des schwäbischen Lebensstils als Wohlthat zu empfinden — im Gegensatz zu Leuten , wie Hans Flach , die das Niveau ihrer Tübinger Existenz mit dem Massstab eines Küchenchefs abschätzten3 . Yon der angeregten Geselligkeit , die man gerade auf der weltfernen »Universitätsinsel« zu pflegen doppelten Anlass hatte und hat , zog er sich keineswegs zurück . In der 'Dienstagsgesellschaft' — einer Vereinigung von Dozenten und andern akademisch ten Männern — hielt er die üblichen Vorträge ( den ersten schon im Herbst 1879 ) 4 , und gelegentlich liess er sich sogar bereit
1 Eine Art Urkundensammlung giebt Nietzsche selbst 'N . contra
Wagner' Werke VIII S . 185 f . " Vgl . Ribbeck , Br . 195 S . 303 .
3 »Ich vermisse nur die Tübinger Einfachheit« meint er in einem spätem Brief [ 30 I 87 ] . Und mit Bezug auf Flach's Culturbilder aus Württemberg - schreibt er schon 1884 : »Was Sie aus der Frkf . Ztg . über Flacii unfläthiges Schriftchen entnommen haben können . . darf Ihnen doch von hiesigen Zuständen nicht allzu schwarze Vorstellungen flössen . Anders ist ungefähr Alles hier , als in andern Cantönli . . . , aber es lässt sich doch sehr in utrawque partem über hiesige Zustände 'dischkurire' : das Uebelste von Allem ist einzig Flacius himself , den doch endlich der Allerkenner irgendwo anders in seinem Weinberge verwenden möge« [ Rü . 7 V 84 ] .
4 Er hat gesprochen : am 18 . November 1879 : über Universitäten im