Full text: Erwin Rohde

Politische Sympathien . 
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getrieben . Erst seine Lehrjahre im Schwabenlande schafften darin Wandel : er fühlte sich wie in einem voller den Fahrwasser , von dem er nun seine Empfindung dauernd tragen liess — er w - urde , wie er es kurz und gut formuliert , zu seiner eignen Yerwundrung »ganz Bismarckisch« [ Rü . 6 Y 82 ] 1 . Auf der einen Seite lernte er , indem er unter den deutschen Landsleuten Jahre lang »als Fremder zu wandeln« meinte , die Notliwendigkeit und Bedeutung des Reichsgedankens recht persönlich empfinden ; auf der andern Seite rückten ihm hier — in der Enge einer kleinen Stadt und eines kleinen , aber abgeschlossnen und die schärfsten Gegensätze beherbergenden Staates — die treibenden und kämpfenden Richtungen viel näher auf den Leib , als in Hamburg oder Leipzig oder Jena . »Hier schleppt sich im Uebrigen Alles in den alten Geleisen weiter ; eine Zeitlang machte sich die Politik so breit , dass auch mich , sonst ziemlich unpolitisches Wesen , ein förmliches politisches Fieber ( aber ein stilles ! ) ergriff2 und mich in einer wahren Angst um die Schicksale des Vaterlands . . . Tags und Nachts quälte . Hier unten , mitten zwischen suiten und Demokraten , fühlt man freilich doppelt , wie wichtig und zugleich - nie zerbrechlich die Einheit , Kraft und Lebendigkeit des Reiches ist . Nun wendet sich ja — weilen ! — Alles zum leidlichen , und so hab ich für jetzt mein politisch - patriotisches Flügelross an die Krippe gebunden« [ R . 2 IV 85 ] . Diese Erfahrungen haben für ihn bleibenderen Werth gehabt , als die lässigen , halbironischen Worte ahnen lassen , in die er hier ( und sonst ) seine Bekenntnisse ausklingen lässt . Sie sind die letzte und bedeutsamste Ergänzung seiner menschlichen und wissenschaftlichpn Persönlichkeit , welche mit dem Nahen der vierziger Jahre , ganz nach der Norm der 
1 Dem »geistigen Berlinerthum« war und blieb er freilich stets geneigt [ V . 10 X 84 ] . 
2 Ganz still war dies »Fieber« doch nicht ; Freunde erzählten von sehr lebhaften Debatten mit A . v . Gutschmid und Andern . Gutschmid wurde in derselben Zeit , in unentwegtem Festhalten an den einmal wonnenen Ueberzeugungen , im Gegensatz zu Rohde , immer mehr nach Links gedrängt . Ich erinnere mich eines Gesprächs mit ihm aus der Zeit vor den Septennatswahlen , nicht lange vor seinem Tode , worin er sich in der schärfsten Tonart über das Ziel wie über die politischen Mittel der Regierung und der nationalen Parteien aussprach .
	        
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