Full text: Erwin Rohde

136 Ersatz der ästhetischen Auflassung durch die historische . 
und dass diese geschichtliche Betrachtung von dem Isoliren der litterarischen und künstlerischen Probleme weg - , und auf eine universelle Behandlung der Gesammtkultur hindrängt . Sehr bezeichnend heisst es in einem Briefe an Ribbeck [ 15 X 82 ] : »Ich lebe an mir selbst , und eben gerade an meinen Collégien , die allmähliche Umarbeitung der ästhetischen und absoluten Schätzung des Alterthums in die historische und relative durch , die ja den Gang unsrer Disciplin , freilich schon lange ehe ich überhaupt anfing , bezeichnet hat : ich bereue es kaum , persönlich mit der altmodischen ästhetischen Schätzung angefangen zu haben , aber nun muss ich stückweise die alte Haut mehr und mehr ablegen ; das macht Arbeit und Mühe . « Das Bekenntnis ist bedeutsam . Es wird von der andern Seite ergänzt durch die Cogitata und durch die Streitschriften und Briefe , die Rohde bei Gelegenheit des Nietzsche'schen Erstlingsbuches schrieb . Schon bald darauf bei der Arbeit an der Geschichte des Roman's , ist eine Wendung eingetreten ( oben S . 79 ff . ) . Man hätte nun meinen können , dass jene philosophische Richtung und Stimmung , die für Rohde's 
antike Publikum und die antike Philologie ( andre Kreise dachten anders ) Man braucht sich nur die hellenistischen Cánones — etwa den der ner oder der Tragiker — anzusehn , um sich zu tiberzeugen , dass die Alten nicht mit der starren Norm einer absoluten Aesthetik , sondern echt geschichtlich mit gleitender Scala gemessen und danach ihre wahl getroffen haben . Am wenigsten Berücksichtigung findet ( und dient ) der Künstler der keinen ïS' . oç xapxxr^p besitzt ( Dionys , de Din . ) : man sieht in der Selbstdarstellung der Persönlichkeit die aufgabe der Kunst und hat seine Freude an starken und eigenwüchsigen Menschen . Diesem sehr gesunden Prinzip verdanken wir es , dass wir mit dem dünnen erhaltenen Material doch die geschichtliche Entwicklung der meisten Litteraturgattungen nach beiden Seiten ziemlich weit folgen können . Nach beiden Seiten : denn allerdings giebt es , bei den auserwählten Völkern , mittlere Phasen höchster Gesundheit und heit— jene Zeiten „ glatten Meers und halkyonischer Selbstgenügsamkeit " , von denen Nietzsche sprach — , denen gegenüber innerhalb der lichen Betrachtung eine absolute ästhetische Schätzung zu ihrem Rechte kommt . Aber diese künstlerische Schönheit ist eine Himmelsgabe , wie die Schönheit der Jugend ; man mag sich an ihr erbauen und erfrischen , aber man glaube nicht , dass man sie sich , wenn man unter andern thumsbedingungen lebt , durch die Schminke irgend eines Classizismus aneignen könne . Die sehr früh durchbrechende Richtung aufs duelle pflegt man bei der Abschätzung der Antike zu gering schlagen , auch bei Rohde kommt sie gelegentlich zu kurz .
	        
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