Full text: Erwin Rohde

142 
Ruf nach Leipzig . 
In dieser Lage fiel Rohde , als ihm 1882 eine Professur in Prag angeboten wurde , nach kurzem Schwanken die scheidung nicht schwer1 . Aber wie Jahr um Jahr verstrich und die Kinder heranwuchsen , wurden doch wieder andere Stimmen in ihm laut . Das Verschwäbeln der Aeltesten will ihm nicht gefallen ; der Elementarunterricht und die sonstigen »Bildungsanstalten« sind nicht nach seinem Herzen . Auch sich selbst wünscht er in ein grösseres und freieres Leben . Sehnsüchtig blickt er bei Gelegenheit nach München2 . »Also Bursian's Nachfolger bei Cotta zu werden , habe ich gar keine Lust ; sein Nachfolger in München — der wäre ich wer weiss wie gerne ! München ist fast die einzige Universitätsstadt , in der ich wirklich gern wäre und bliebe . Aber . . . an mich wird schwerlich irgend Jemand denken , ich kenne keine Seele ! « [ R . 15 X 82 ] . 
Da entschloss sich die Leipziger Facultät nach dem Tode von Georg Curtius ( der zwar Mitdirector des philologischen Seminars gewesen war , aber als Lehrer und Gelehrter doch ausschliesslich der Sprachwissenschaft gedient hatte ) , einen gesprochenen Philologen und Litterarhistoriker zu berufen . Die Wahl fiel auf Rohde . Bei der ersten vertraulichen theilung war Rohde Feuer und Flamme 3 . Yor seinen Augen mochte das alte Leipzig der siebenziger Jahre stehn , mit seinen nach Hunderten zählenden Philologenschaaren , seinem behag - 
sönlichkeit durch die 'Wissenschaft' sah er eine Gefahr . »Im Uebrigen gedenken Sie alle drei Ihrer Jugend , die nur einmal blüht , nicht nur in ihrer Kraft und Frische , sondern auch in ihrem Leichtmuth und sogar in ihrer Schwermuth ( wen's so trifft ) , denn auch die enthält da noch ein Element der Lebenswürze« [ Schm . o . D . 86 ] . 
1 »Ich habe wirklich eine Zeitlang ernstlich an Prag gedacht , aber schliesslich mich doch gerne halten lassen , eben darum auch , weil mir das Bleiben so leicht wurde , den angebotenen Fackelzug und Commers der Studenten abgelehnt« [ R . 1 VIII 82 ] , 
■ »Es wäre zu niederträchtig , wenn ich hier . . . . zuletzt mit dem Beethovenschen Trauermarsch und allem Brimborium einer akademischen 'Leich' ( deren Herrlichkeit Einem gleich in dem ersten Schriftstück , das man beim Einzug bekommt , ausführlichst bekannt gemacht wird ) — unter meinem Fenster vorbei . . . geschafft werden sollte« [ R . ] . Im Uebrigen vgl . oben S . 123 f . Seine Vorliebe für München hat er auch in berg nicht verleugnet ( Schöll ) . 
3 Genau , wie die Briefe an Ribbeck , klingen die an andre Freunde , z . B . an Rühl 12 VII 85 .
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.