Full text: Erwin Rohde

Enttäuschung . 
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Ruhe und Höhenluft des schwäbischen Städtchens gewohnten Nerven . Die Zahl der Hörer blieb weit hinter seinen wartungen zurück ; sie nahm gerade damals in Leipzig hältnismässig noch viel rapider ab , als in Tübingen , wo Stift und Convikt einen festen Stamm hergeben . Auch durch die Leistungen und den ganzen »Stil« des Durchschnittsstudenten , den er im Hörsaal oder bei seinen Uebungen vor sich sah , fühlte er sich enttäuscht ; viel ausgeprägter , als bei dem fremdesten Stiftler , glaubte er hier ( was ihm »alle Stimmung verdarb« ) die Incarnation der Philisterhaftigkeit zu finden . So wollte sich zwischen ihm und dem Auditorium kein rechtes Verhältnis bilden und man erzählt sich , dass er , bei lichen Aeusserungen seiner Davidsbündlerstimmung , auf offne Opposition gestossen sei . Aber das Alles hätte sich den und ausgleichen lassen . Schlimmer war es , dass Rohde seiner ganzen Art und Richtung nach nicht geeignet war , den ältern Fachgenossen , gewissermassen als dritte , tende und gebundene Stimme , sich anzuschmiegen . Curtius hatte auf philologische Stoffe im engern Sinne fast ganz zichtet ; die Collegen waren beati possidentes der sten und lohnendsten Gebiete , und Rohde blieb zunächst , ausser dem von Curtius übernommenen Homer , nur »das von allen Seiten angenagte Gebiet der griechischen Litteraturge - schichte« . Ein derartiges »Dasein als Lückenbüsser« zu führen , lag nicht in seinem Plan . Immer wieder wurde mit dem Freunde verhandelt , mündlich und schriftlich : für diesen Cirkel wollte sich die Quadratur nicht finden lassen . So sah sich Rohde doch in jenen akademischen struggle of life hineingetrieben , der ihm so zuwider war . Die Bilanz , die er in dieser Stimmung zieht , ergiebt einen völligen Bankerott1 . 
1 »Ich sehe in eine wahre Wüste von Trostlosigkeit hinein , wenn ich an mein zukünftiges Vegetiren in dieser Stadt . . . denke , aber was hilft es ! Die Studenten mögen ja brav sein : im Colleg sehn sie mir so setzlich philiströs entgegen , dass ich . . . am liebsten ganz schwiege . Gerade wo ich wirklich Gutes und Originelles sage , gafft mich das Volk am blödesten an . . . Für Ihre guten Worte danke ich von Herzen ; wenn es noch irgend eine erträgliche Vorstellung für meine Leipziger Existenz in mir giebt — so ist es diese , dass wir Beide uns nicht dauernd miss - verstehn können . Möchten wir denn zusammen noch manche freundliche Stunde haben ! « [ B . 4 VI 86 ] ,
	        
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