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Heidelberg . Die Vollendung der Psyche .
( 1886—1893 ) .
Sobald die Vorlesungen geschlossen waren , floh Rohde aus dem Dunstkreis Leipzigs , um sich den Nachgeschmack seiner letzten Erfahrungen mit reineren neuen Eindrücken von der Zunge zu spülen . Wieder war es Bayreuth , wo er fand , was er suchte1 . Im September kehrte er in bester Laune nach Leipzig zurück ; seine Briefe erzählen von den »wirklich lieblichen Wochen« , die er damals »in grossem Leichtsinn« mit seiner Frau und einer jungen Tübinger Freundin von ihr verlebt habe . Die Glanzpunkte waren gemeinsame Fahrten nach Dresden und nach Weimar , wo ihm vor Allem das neu erschlossene Goethe - Haus »lieb und aufklärend« war und seine Gedanken nur noch enger an den Unvergleichlichen kettete 2 . Auch in Heidelberg »schenkte der Dämon noch eine Anzahl schöner Herbsttage« zu allerlei Wanderungen s . »So war der Einstand , wie man in Württemberg sagt , ein fröhlicher und boni ominis , hoffe ich . Will man sich ganz ruhig und gelassen von dem Strom treiben lassen , so ist , scheint es , Heidelberg der beste Ort ; nur trifft man sich eben doch immer wieder auf wechselnden Meinungen : bald scheint es Einem so gut
1 »Ich schwebe hier noch in einer halben Existenz herum , das mester ist aus , meine Familie verreist , ich selbst gehe morgen auch fort , zunächst nach Bayreuth . . . Der schnelle Wechsel greift natürlich an , Möbel undGeinüth ; vielleicht wäre es besser gewesen , es hätte sich nicht solch ein Ausweg aus allerlei . . . Bedenklichkeiten dargeboten , und ich wäre gezwungen gewesen , hier auszulialten . Nun aber wird auch der neuerwählte Zustand seine bedeutenden Vorzüge haben« [ Schm . 4 VIII 86 ] ,
■ Rohde ist in diesen Jahren Mitglied des Goethevereins geworden . Die Tübinger Freundin war eine Tochter Chr . Sigwart's , später Gattin des Botanikers G . Klebs .
3 0 . 20 XII 86 .