Jean Paul . Das Tragische . Bayreuth .
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die tieferen Farben , der vollere Inhalt , den man aus melter Kunde des Lebens und des eignen Innern hinzubringt zu den Umrissen und Phantasiebildern der Dichtung , heben diese nicht auf , lassen sie nicht blass und leer erscheinen — umgekehrt ! Und das ist die Probe auf Aechtheit der nialität des Dichters . Ich weiss wenige Bücher , die mich dauernder festhalten und so lange in mir nachtönen , wie die Flegeljahre ; aber auch die weniger sicher entworfenen , selbst die unsichtbare Loge , ziehen mich magisch in ihre Welt , eine ganz eigne Welt des Lebens und Empfindens , und auch die Ueber - gefiihligkeit stört mich wenig , sie läuft nur wirkungslos ab . . . Sie reden auch , wie meist geschieht , . . . von tragischer 'Schuld' . Das stört mich aber , wo ich es finde ; es beruht doch lich auf der Annahme , dass der Held der Tragödie , der , und weil er untergeht , im Unrecht sei , die Mächte , die ihn zum Fall bringen , im Recht . Aber das trifft gar nicht zu auf die wirklichen Tragödien . Freilich , welche soll man so nennen ? Ich habe wohl einmal daran gedacht , dass man die Entstehung des Tragischen in der Dichtung historisch ergründen sollte , also aus den Ursprüngen der griechischen Tragödie . Nicht mit Absicht und Bewusstsein natürlich , sondern , wie es scheint , einfach aus einem Conflikt der moderneren tieferen Weltanschauung und Sittlichkeit der Poeten mit den nicht danach angelegten alterthiimlichen Stoffen , die sie aus den Sagen einer ganz anders denkenden Vorzeit übernahmen ( in aller Arglosigkeit ) , ist das 'Tragische' in die dramatisch handelte Mythe gekommen , z . B . in der Oedipussage , sage etc . Genauer betrachtet müsste diese Entwicklungsgeschichte der Tragödie , ohne alle theoretische Vorfestsetzungen , das Wes en des Tragischen deutlich erkennen lassen« [ V . 30 VII 88 ] .
In dieser beschaulichen Stimmung versuchte Rohde in den Sommermonaten 1888 den Eingang seines Werkes stellerisch zu gestalten , kam aber über »den zweiten von ca . 10 Abschnitten« ( es sind 15 geworden ) nicht hinaus ; an der »Insel der Seligen« legte er sich vor Anker ( Psyche2 S . 104 f . ) . Die Briefe erzählen dann von der Absicht nach Bayreuth zu pilgern ; später zog er auf einige Wochen nach Engelberg , und die Freunde , die mit ihm zusammenhausten ( J . Volkelt