Lou Andreas - Salomé . Zarathustra IY .
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Alles nur als litterarisches Experiment , nicht als etwas lich Nothwendiges anfasst und behandelt« [ O . 10TV 90 ] . Besser und tiefer empfunden schien ihm eine Artikelleihe von Lou Andreas - Salomé1 . Hier war »etwas ganz Andres als bei dem koketten Herrn Brandes« [ 0 . 13 HI 91 ] ; es wurde doch stens der Versuch gemacht , die verschiedenen Phasen in der Schriftstellern Nietzsche's als das Ergebnis seiner menschlichen Entwicklung zu begreifen2 . Manche Einzelheit mochte Rohde an seine eignen Deutungsversuche jenes »Mirakels« erinnern3 .
Von den Schriften des Freundes hat er in diesen Jahren , nach dem Zeugnis der Briefe , besonders den 'Wanderer' , und den 'Zarathustra' zur Hand gehabt , ferner die'Genealogie der Moral' , in der er , nicht nur in formeller Hinsicht , den Höhepunkt von Nietzsche's psychologisch - moralistischer Schriftstellern te i . Am nächsten ging ihm aber der letzte ( vierte ) Theil des rathustra ; er hat ihn erst 1892 >ganz zufällig« , kennen gelernt5 .
Ein wunderliches , aber ergreifendes Buch , an dem ich überall den tiefsten , eignen Klang einer zum Abgrund hinabschreitenden grossen Seele höre . Wie N . sich so in seine Traumwelt förmlich familiär einlebt — ich kann das Alles nur mit wehmuthsvoller schütterung lesen . Diese Erfahrung , den tiefsten und reichsten Geist , der Einem begegnet ist , im Wahnsinn und in die Unzugänglichkeit seiner Wahnwelt verschwunden zu
1 In der Vossischen Zeitung , Sonntagsbeilage 1891 , No . 2 . 3 . 4 . Die Verfasserin war die Gattin eines alten Freundes von Rohde , s . S . 63 .
2 Ueber das Buch ( Fr . N . in seinen Werken , von Lou Andreas - lomé , Wien , Carl Konegen 1894 ) hat sich Rohde nicht geäussert . Man wird aber bezweifeln dürfen , dass die Einschätzung Rée's bei Lou A . - S . die seine war . Als einen Nietzsche ebenbürtigen Geist hat er Rèe kaum angesehn , vgl . oben S . 98 f . Entschieden protestiren muss man dagegen , wie in dem Buch ( S . 189 f . ) der methodische Gegensatz verschleiert wird , in den Nietzsche ( der doch immer Historiker und Philologe war ) zu Rèe gedrängt wurde ( s . oben S . 157 f . ) . Die Formel , mit der Frau Andreas das Nietzsche - Problem zu lösen sucht , ist hier doch gar zu schematisch gewandt ( s . bes . S . 196 f . ) . Und im Widerspruch zu ihren Aeusserungen ( S . 193 ) wird man behaupten dürfen , dass N . „ in der vorhergehenden Periode " keineswegs mit grösserer „ philologischer Genauigkeit " inter - pretirt hat , als in der Entstehungszeit der 'Genealogie' . S . oben S . 158 .
3 Vgl . oben S . 97 f .
4 Vgl . oben S . 158 . Erwähnt wird auch die 'Götzendämmerung' , deren agitatorischer Stil Rohde aber abstiess .
5 Nietzsche hatte Rohde diesen Theil nicht mehr geschickt .
Crusius , E . Rohde . 12