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Schilderung des Individuellen .
chologie und schliesslich auch aus der persönlichsten rung , frisches Blut zuzuführen versteht1 . Charakteristische Höhepunkte sind die Abschnitte über den Orgiasmus und über die Visionäre und Ekstatiker im zweiten Bande , auch der Exkurs über die Spaltung des Bewusstseins ( II2 S . 5 ff . 100 ff . 413 ff . ) . Aber das Eigenste und Beste , wodurch sich Rohde's Werk über die verwandten Arbeiten hinaushebt , ist doch rade dies : dass es uns das Einzelne , Individuelle mit allen Mitteln philologischer Forschung und reifster kunst vor Augen stellt . Man lese die Charakteristiken der Propheten und Sühnpriester , der Tragiker , Pindars , Heraklits und vor Allem Platon's : aus dem Kern der Persönlichkeiten heraus lernen wir ihren Glauben verstehn . So steht Rohdes Werk vor uns , als die erste religionsgeschichtliche Leistung im grossen Stil , die nicht nur das schildert , was der loge und Ethnologe Religion nennt , die primitivsten Gedanken der sogenannten Volksreligion , sondern die auch die rung und Wandlung dieser Gedanken in den höheren Schichten der Gesellschaft und bei den grossen repräsentativen oder reformatorischen Individuen zu schildern unternimmt .
Aber so harmonisch und festgefügt das Ganze sich baut : problematisch bleibt hie und da der causale hang und logische Fortschritt von Capitel zu Capitel« ; blematisch bleibt zumal d e r Punkt , vor dem Rohde bei der Veröffentlichung halt gemacht hatte , als wollte er vor einem entscheidenden Schlage alle Mittel und alle Möglichkeiten noch einmal durchproben : die Stellung des Orgiasmus und der nysischen Weihen in der Geschichte des glaubens . Nach Rohde's Darstellung ist hier die einzige Pforte , durch die ausgesprochen spiritualistische Vorstellungen in das seinen tiefsten Iustincten nach ganz und gar dem Diesseits
1 Beiläufig mag in diesem Zusammenhang an die Mittheilung scheids ( oben S . 39 ) erinnert werden . Bedeutsamer sind die persönlichen Eindrücke , die Rohde der modernen Musik verdankt . Einmal , nach jenen schweren Erlebnissen , an denen wir oben ( S . 93 ) vorübergegangen sind , gesteht er , dass »der Dämon« oft völlig vor der grossartigen Macht der Wagnerschen Musik weiche : »so hat dieser Bayreuther Aufenthalt für
mich fast die Wirkung einer Heilkur gehabt« . Aehnliche Aeusserungen auch später noch wiederholt .