Nietzsche und Schopenhauer .
185
Instinkt des Lebens , der . . . zur Ewigkeit des Lebens , ligiös empfunden , — der Weg selbst zum Leben , die Zeugung , als der li e i 1 i g e Weg . . . Erst das Christenthum , mit seinem Ressentiment gegen das Leben auf dem Grunde , hat aus der Geschlechtlichkeit etwas Unreines gemacht . . . " 1 .
Auf den ersten Blick glaubt man , Rohde's Hypothese ausgesprochen zu sehn . Aber fasst man Nietzsche's führungen schärfer ins Auge , überzeugt man sich bald , dass sie auf ein andres und ferneres Ziel gerichtet sind . Nach Rohde's Ansicht gewann in den Dionysosorgien das duum durch das Mittel der Ekstasis die Ueberzeugung von seiner Gotteskindschaft und seinem Fortleben in einer höhern Welt2 . Nietzsche combinirt den Orgiasmus nicht mit der Ekstase ; er fasst eine andre Seite des Kultus , andre bole und Stimmungen ins Auge und sieht in diesen nun eine Aeusserung jenes über - ( oder unter - ) individuellen triebes , der nicht in irgend einem Jenseits zu Haus ist , sondern sich manifestirt in dem Weben und Schaffen der Natur , ganz wie der Schopenhauerische'Wille'3 . Kurz : bei Roh de handelt es sich um die p e r s ö n 1 i c h e Unsterblichkeit , bei Nietzsche um die Ewigkeit des Gesammtiebens . Es sind zwei in sich geschlossene , von einander unabhängige kreise , die sich nur flüchtig berühren . Aber Nietzsche's Ge -
1 Die Sperrungen rühren nur zum Theil von N . her .
2 Vgl . Rohde oben S . 183 , Psyche IP S . 19 ff . 45 ff .
3 Wirklich sagt Schopenhauer selbst , hinblickend auf verwandte scheinungen der Antike ( Die Welt als Wille und Vorstellung I S . 325 [ 360 ] ) : „ Ganz dieselbe Gesinnung [ wie die der Inder ] war es , welche Griechen und Römer antrieb , die kostbaren Sarkophage gerade so zu verzieren , wie wir sie noch sehen , mit Festen , Tänzen , Hochzeiten . . Bakchanaljen , also mit Darstellungen des gewaltigsten Lebensdranges , welchen sie nicht nur in solchen Lustbarkeiten , sondern sogar in lüstigen Gruppen . . . uns vorführen . Der Zweck war offenbar , vom Tode des betrauerten Individuums , mit dem grössten Nachdruck auf das unsterbliche Leben in der Natur hinzuweisen und dadurch , wenn gleich ohne abstraktes Wissen , anzudeuten , dass die ganze Natur die nung und auch die Erfüllung des Willens zum Leben ist . " Diese Sätze reichen , auch dem besondern Problem gegenüber , dicht an Nietzsche's Lösung heran . Nietzsche hat sich zu den Anschauungen seines alten 'Erziehers' zurückgewandt , wenn er sie auch mit einer Verschiebung des Accentes zum Vortrag bringt .