Full text: Erwin Rohde

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Abweichende Anschauungen bei Nietzsche . 
untergeordnete Frage1 . Er hatte auch hier ein andres und ferneres Ziel im Auge , als der Verfasser der Psyche . 
Trotzdem mag es befremdend erscheinen , dass Rohde in den Abschnitten , worin er den Orgiasmus , sein Wesen und seine Herkunft , darstellt , Nietzsche's Lehren überhaupt nicht berücksichtigt ; gekannt hat er jene Um - und Weiterbildung eines alten Lieblingsgedankens zweifellos . Aber er selbst stand nicht mehr auf dem alten Boden . Nicht nur dass seine psychologische Auffassung eine andre geworden war ; auch das historische Problem hat er — ob mit Recht oder Unrecht — anders beantwortet ; vor Allem schloss er den dionysischen Orgiasmus „ von den Möglichkeiten der griechischen Seele " aus und liess ihn , als eine unheimliche geistige Epidemie , aus Barbarenländern über die Grenze dringen . So hätte Rohde auf der ganzen Linie gegen den wehrlosen Freund polemi - siren müssen2 . Man begreift , dass ihm auch jetzt noch gen die erträglichste Form des dissensus« zu sein schien . 
Aber auch unter dieser Voraussetzung behält das ganze Verhalten Rohde's etwas Peinliches . Wir wissen , wie oft er in diesen Jahren zu den Schriften des Freundes griffen hat : manche Stelle seines Buches wendet sich an ihn wie ein stummer Gruss aus der Ferne 3 . Warum vermeidet er , auch nur den Namen Nietzsche's zu nennen ? Gewiss nicht aus Flauheit oder Missgunst ; noch in Heidelberg hat er oft genug Zeugnis abgelegt für den alten Genossen . Hier steckt etwas ganz Persönliches . Fürchtete Rohde etwa eines jener Freundschaftsgeheimnisse zu verrathen , die er vor fremden Augen nicht profanimi mochte ? In der That , das wird der Schlüssel für das Räthsel sein . Wir haben oben von jenen 
1 [ N . hat sie bejaht : W . XV 487—490 . Die Blätter lassen lich eine Yision vor uns aufsteigen : 'Dionysos und der Gekreuzigte' , das rechte Gegenbild zum Christus im Olymp ] . 
2 Wir werden unten ( S . 202 A . ) auf die Frage zurückkommen . Dass Rohde hier historisch im Rechte sei , ist keineswegs entschieden ; wir den sehn , dass er , ohne zwingenden Grund , die Spuren von Orgiasmus im alten Epos anders behandelt , als die Zeugnisse für animistisclie stellungen , die er als survivals einschätzt . 
3 Vgl . oben S . 158 f . Auch in der Art , wie Pythagoras und Empe - dokles als »Uebermenschen < ( II2 S . 160 . 173 ) geschildert werden , steckt etwas von Nietzsche .
	        
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