Full text: Erwin Rohde

194 Rectorat . Beschäftigung mit Nietzsche's Briefen und Mscr . 
So sehn wir ihn schon wieder die Hand ausstrecken , um eine tüchtige Arbeit zwischen den Schraubstock zu nehmen« . 
Aber der Semesterschluss im Frühjahr 1894 brachte ihm Aufgaben ganz andrer Art . Bei der Wahl zum Prorectorat vereinigten sich die Stimmen auf seinen Namen , und wenn er sich auch bewusst war , mit seiner Kraft Haus halten zu müssen , so mochte er sicli doch der ehrenden Verpflichtung die das Yertraun der Genossen auf seine Schultern lud , nicht entziehn1 . Die Aussicht , sich einmal ganz auf die tischen Geschäfte des nächsten Tages beschränken zu dürfen und zu müssen , hatte für . ihn im Grunde etwas Lockendes , nachdem er so lange Jahre »in den Gedankennebeln schollener Zeiten« herumgewandert war . 
Die wissenschaftlichen Pläne wurden also vertagt . In den freien Stunden , die die Osterferien brachten , versenkte sich Rohde noch einmal ganz in die schönsten und schmerzlichsten Erinnerungen seines Lebens : er ordnete die lange Reihe von Briefen , die er in zwei Jahrzehnten von Nietzsche empfangen hatte . Damals begann Nietzsche's Schwester die Manuscripte und Correspondenzen des Bruders zu sammeln . Unmittelbar nach der Uebernahme des Rectorats reiste Rohde zu ihr nach Naumburg , um , ihrem Wunsch entsprechend , die lichten Manuscripte des kranken Freundes durchzusehn ; das blatt , das den Anlass zur Entzweiung gegeben hatte , hat er damals vernichtet2 . Die weitausschauenden Pläne der tapfern Frau , die eben als Wittwe aus Paraguay heimgekehrt und in Deutschland fremd geworden war , suchte Rohde zu fördern , so viel er konnte ; so empfahl er ihr einen philologisch und philosophisch geschulten Tübinger Hörer als wissenschaftlichen Helfer und versprach , die metrischen und litterarischen Aufzeichnungen Nietzsches aus den Baseler Jahren im Einzelnen zu prüfen3 . 
1 1890 / 1 war Rohde gewählter Senator , dann hatte er , z . Th . unter schwierigen Verhältnissen , das Dekanat geführt ( S . oben S . 173 ) . 
2 Vgl . E . Förster - N „ Deutsche Revue , August 1901 : „ Als wir beide im Frühjahr 1894 darauf zu sprechen kamen , war es seine erste Bitte , ihm diesen Brief herauszugeben , damit er ihn verbrennen könne " . S . oben S . 155 . 
3 Ein Heft mit metrisch - musikalischen Notizen Nietzsche's , das Rohde in Heidelberg durchsah , hat sich in seinem Nachlass leider bis jetzt nicht finden lassen . Es hat vermuthlich Material enthalten für die
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.