Full text: Erwin Rohde

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Creuzer und die Günderode . 
Wie um sieb einmal in andrer Luft zu erholen , machte Rohde unter all diesen Arbeiten auch noch einen Ausflug ins 'romantische Land' . Die bei allen Schwächen bedeutende Persönlichkeit Fr . Creuzers , dessen räthselhaft - hässliches litz über dem Arbeitstisch ins Seminarzimmer hineinschaute , hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt . Im Eingang seiner Rectoratsrede gedenkt er auch dieses heute halb schollenen Vorgängers mit der kühlen Ehrerbietung eines schichtlichen Beobachters , der weiss , dass in jenem Manne die freilich längst überwundne Empfindung und Anschauung einer ganzen Generation ihren vollsten Ausdruck gewann3 . Aber es ist nicht Creuzer der Philologe und Mythologe , der ihm innerste Theilnahme abnöthigte , sondern Creuzer der Mensch , und mehr noch als Creuzer ( der ihm im Grunde »dünn und 
lieh Manches in dem . . 2 . Theil anders gemacht zu haben , finde freilich , dass ich doch wohl stets auf denselben Kreis zurückgekommen wäre« [ Rü . 21 XI 93 ] . Mir schrieb Rohde s . Z . , dass er meine Einwände ( die hier S . 182 f . kurz angedeutet sind , vgl . das litter . Centralbl . 1894 , 61 , 1858 ) nicht widerlegen könne , dass er sich aber auch nicht überzeugt fühle . Das oben mitgetheilte Bekenntnis zeigt mir , dass wir doch auch in Roh - de's Sinne das Recht und die Pflicht zu einer Revision gerade jener blematischen Partien der Fundamente haben . Vor Allem wird die kunft und Verbreitung der orgiastischen Dienste ( nicht nur des kultes , sondern auch der Religion des Zeus Lykaios usw . ) noch einmal zu untersuchen sein , schon um ( wie Rohde selbst einmal sagt ) eine zeitige Krystallisirung der Meinungen in dieser durchaus problematischen Angelegenheit durch erneute Bewegung zu verhindern . Dass auch Nietzsche den Orgiasmus für eine echt griechische Erscheinung hielt , haben wir oben ( S . 184 if . ) gesehn . Ich glaube , er wird gegen Rohde Recht behalten . Die Hinweise auf orgiastische Bräuche bei Homer werden gerade so als survivals zu deuten sein ( nicht als Anfänge von etwas ganz Neuem und Fremden ) , wie die Reste animistischer Anschauungen , in denen jene Bräuche wurzeln . 
1 Der Stil seiner Polemik steht auch hier wieder in einem bemerkens - werthen Gegensatz zum späten Nietzsche . Man lese nur die lichen Invectiven gegen Creuzer's Zeitgenossen und Gegner Lobeck in der 
'Götzendämmerung' , Werke VIII S . 171 . Lobeck's Person wird hier im 
Grunde gar nicht getroffen . Das Unzulängliche in Lobeck's Ausführungen ist aufs Conto einer Zeitanschauung zu setzen , des aus dem 18 . hundert herüberwirkenden Rationalismus , unter dessen Zwange er gerade so stand , wie Creuzer unter dem der Romantik . Was Lobeck persönlich gehört , ist durchaus echt und tüchtig ; es wurzelt in seiner unerreichten Gabe und Kraft zum Beobachten , Sammeln , Sichten . Solche renden Activa fehlen bei Creuzer : trotzdem respectirt ihn Rohde als energischen Vertreter einer einst mächtigen Auffassungsweise .
	        
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