Full text: Erwin Rohde

Studien zu den Romantikern . 
203 
matt« erschien , wie seine Briefe ) seine unglückliche freundin . Die 1894 von der Heidelberger Bibliothek benen Briefe Creuzer's an die Günderode gaben die Lösung des dunkeln psychologischen Räthsels und führten tief hinein in jene Welt der Romantik , nach der Rohde schon oft geblickt hatte . 'Mit leiser Hand umblätternd' ( wie es in einem Dankschreiben Ribbeck's heisst ) lässt Rohde uns diese gilbten Briefschaften durchsehn ; Unbedeutendes oder gar zu liches schiebt er in sicherem Taktgefühl beiseite und weiss durch kurze Zwischenbemerkungen , wo es Noth tliut vermuthungs - weise , den oft verschleierten oder zerrissenen Zusammenhang wieder herzustellen1 . So glauben wir »die leidvolle alte schichte« selbst zu durchleben ; man legt das Buch mit der Empfindung aus der Hand , als ob man einen neuen Werther kennen gelernt hätte . Wenn sich das wissenschaftliche thum hier , einem neuen Stoffkreise gegenüber , siegreich währt 2 : so hat den Hauptantheil an dem eigenartigen Reiz des Büchleins doch eine nachschaffende und mitfühlende Dich - terstimmung , die bei einer unverkennbar mit künstlerischer Absicht gewählten skizzenhaften , ja scheinbar lässigen stellungsweise ( ganz entsprechend dem intimen Stoffe ) ein kleines Kunstwerk schuf . Stilistisch haben die Bemerkungen Rohde's einen ganz eignen Reiz ; sie klingen , neben dieser iiberschwänglichen Brieflyrik , wie ein gehaltenes und doch stimmungsvolles Recitativ . Dabei ist der Ausdruck oft von einer eignen Sattheit und Lebendigkeit ; man hört es heraus , mit wie jugendlichem Empfinden Rohde das schwüle Drama an sich vorüberziehn Hess . In zwölfter Stunde waltete der Zufall als Vorsehung und spielte Rohde , aus den Schätzen des Freiherrn v . Bernus auf Stift Neuburg , die letzten , nicht veröffentlichten Dichtungen der Günderode in die Hand . Sie bestätigten dem litterarischen Psychologen , dass er diese Natur nicht falsch geschätzt hatte , wenn er sie tiefer auffasste , als Andre . Rohde deutet nicht mit dem Finger darauf : aber aus 
1 Den Anstoss zu dieser ( ursprünglich für die Heidelberger bücher bestimmten ) Arbeit gab K . Zangemeisteb . 
2 So in der Datirung der Briefe ( meist im Gegensatz zu L . Geiger ) und in der Zuweisung anonymer Dichtungen an die Günderode , S . 14 .
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.