Studien zu den Romantikern .
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matt« erschien , wie seine Briefe ) seine unglückliche freundin . Die 1894 von der Heidelberger Bibliothek benen Briefe Creuzer's an die Günderode gaben die Lösung des dunkeln psychologischen Räthsels und führten tief hinein in jene Welt der Romantik , nach der Rohde schon oft geblickt hatte . 'Mit leiser Hand umblätternd' ( wie es in einem Dankschreiben Ribbeck's heisst ) lässt Rohde uns diese gilbten Briefschaften durchsehn ; Unbedeutendes oder gar zu liches schiebt er in sicherem Taktgefühl beiseite und weiss durch kurze Zwischenbemerkungen , wo es Noth tliut vermuthungs - weise , den oft verschleierten oder zerrissenen Zusammenhang wieder herzustellen1 . So glauben wir »die leidvolle alte schichte« selbst zu durchleben ; man legt das Buch mit der Empfindung aus der Hand , als ob man einen neuen Werther kennen gelernt hätte . Wenn sich das wissenschaftliche thum hier , einem neuen Stoffkreise gegenüber , siegreich währt 2 : so hat den Hauptantheil an dem eigenartigen Reiz des Büchleins doch eine nachschaffende und mitfühlende Dich - terstimmung , die bei einer unverkennbar mit künstlerischer Absicht gewählten skizzenhaften , ja scheinbar lässigen stellungsweise ( ganz entsprechend dem intimen Stoffe ) ein kleines Kunstwerk schuf . Stilistisch haben die Bemerkungen Rohde's einen ganz eignen Reiz ; sie klingen , neben dieser iiberschwänglichen Brieflyrik , wie ein gehaltenes und doch stimmungsvolles Recitativ . Dabei ist der Ausdruck oft von einer eignen Sattheit und Lebendigkeit ; man hört es heraus , mit wie jugendlichem Empfinden Rohde das schwüle Drama an sich vorüberziehn Hess . In zwölfter Stunde waltete der Zufall als Vorsehung und spielte Rohde , aus den Schätzen des Freiherrn v . Bernus auf Stift Neuburg , die letzten , nicht veröffentlichten Dichtungen der Günderode in die Hand . Sie bestätigten dem litterarischen Psychologen , dass er diese Natur nicht falsch geschätzt hatte , wenn er sie tiefer auffasste , als Andre . Rohde deutet nicht mit dem Finger darauf : aber aus
1 Den Anstoss zu dieser ( ursprünglich für die Heidelberger bücher bestimmten ) Arbeit gab K . Zangemeisteb .
2 So in der Datirung der Briefe ( meist im Gegensatz zu L . Geiger ) und in der Zuweisung anonymer Dichtungen an die Günderode , S . 14 .