Full text: Erwin Rohde

Zur Charakteristik . Temperament . 
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Rohde gehörte nicht zu den Çûmeç . Er hat an seiner »sonderbar aus den verschiedensten Elementen ten Natur« , zumal in jungern Jahren , schwer genug getragen und anders geartete Freunde wohl einmal beneidet um ihren »friedlichen , halkyonischen , windstillen Sinn«1 . In der Erregung des Augenblicks blieb er nicht immer Herr seines stürmischen Temperamentes und liess sich dann auch in seinen Aeusse - rungen und Urtheilen über die Grenze hiiiausreissen , die er bei ruhigem Blute als berechtigt anzuerkennen keinen Anstand nabm2 . Freilich , dem conventionellen »artig und bescheiden Thun« hat er sich wohl nie recht zu fügen vermocht . Er hielt es mit der antiken ¡xíyaXo^uxta , die er schon im 'Roman' , an einer ganz persönlich gestimmten Stelle , mit barer Sympathie geschildert hat3 . So war dieser 'einsame , stolze Mensch' im Verkehr nicht ohne Ecken und Kanten , an denen sich der einigermassen verzärtelte , 'chinesische' Geschmack der Gesellschaft zu stossen pflegte . „ Ich tolerire sie " — schrieb O . Ribbeck — „ als natürliche Krystallisationen seines edlen , gediegenen Kerns und sein verborgenes Feuer wärmt mich " 4 . 
1 Die angeführten Wendungen sind Briefen an Volkelt entlehnt , 28 II 87 . 25 XII 89 ; ähnlich M . 21 XI 69 . Was er nicht hatte , zog ihn bei Persönlichkeiten , die in seinen Kreis traten , am stärksten an . Bei nern , wie Overbkck , Voi , Kelt , auch W . Schmid glaubte er's zu finden . Vor Allem aber schien ihm der junge Nietzsche glücklich zu preisen ob der »Ganzheit seiner Studien« und der Fähigkeit , seine besten Kräfte in eine harmonische Einheit zusammenzufassen und das »Dreigespann« seiner philologischen , philosophischen und künstlerischen Neigungen zu Einem Ziel zu lenken . Um so rathloser stand Bohde da , als für Nietzsche , Ende der Siebenziger Jahre , die Periode der innern Kämpfe begann . 
2 Ich kenne mehr als einen Fall , wo Bohde nach scharfen , lich zugespitzten und zu einem latenten Kriegszustand führenden Debatten selbst zuerst einlenkte und die Hand zum Frieden bot . 
8 'Der Gr . Boman' S . 318 f . Sehr bezeichnend ist eine Betrachtung über die 'Bescheidenheit' , die etwa gleichzeitig mit jenem Abschnitt schrieben wurde ( Cog . 61 ) . In einem der letzten Briefe an Bühl [ 23 III 97 ] sagt er von seinen Kindern : »sie sind . . von Herzen gut und edel , wie es — warum soll ich es nicht vor einem Freunde aussprechen — mein und meiner Frau Kinder gar nicht anders sein können« . Hier spricht die Gesimiung »des adligen und als solchen sich wohl den Geistes und Charakters« . 
4 0 . Bibbeck , Brief 173 S . 275 . S . oben S . 4 . 
C r u s i u s , E . Rohde . 14
	        
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