Full text: Erwin Rohde

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Phantasie und Gemüthsleben . Humor . 
Das Triebleben der Empfindung und Phantasie war bei Rohde reicher entwickelt , als dem modernen Normalgelehrten wünschenswerth erscheinen würde . Er konnte sich , gleich seinem Jugendgenossen , zu Höhen emporgehoben fühlen , die sonst nur der Begeisterung des Künstlers erreichbar sind . Aber auch hinabgestossen in die dunkelsten Tiefen . Jede Periode seines Lebens brachte ihm neben grossen Erfolgen bittre Enttäuschung und schmerzlichen Verlust \ Solche lebnisse erschütterten ihn bis in die letzten Wurzeln ; er hatte jene gesteigerte Fähigkeit zum Schmerzempfinden , von der er in seinen Tagebuchblättern spricht ( z . B . Cog . 72 ) . Den wenigen Freunden gegenüber gab er sich , in seiner Begeisterung , wie in seinem Kummer , ohne Vorsicht und Rückhalt , mit einer nahezu dichterisch wirkenden Kraft naiver Selbstdarstellung 2 . Aber öffentlich die Rolle des Schwärmers oder des homme ténébreux zu spielen , war ihm widerwärtig . Er verschloss und versteckte seine tiefsten Stimmungen peinlich vor fremder Neugier , am liebsten unter der Maske eines derben , ja grot - tesken Scherzes . Wie der Humor in der Kunst als Comple - mentärfarbe des Tragischen erscheint , so ist er ein haftes Element dieser herben und hochgestimmten seele . Schon in den Jugendbriefen giebt es Einfälle , die an die drollige Anmuth eines Billets von Gottfried Keller erinnern . ' Wie unerschöpflich diese humoristische Ader bei Rohde deln konnte , weiss Jeder , der mit ihm in guter Stunde sammengesessen hat3 . 
1 Wer dem Gang dieser Erzählung gefolgt ist , wird wissen , was ich meine . Er selbst deutet einmal hin auf die beiden grossen Schmerzen der Jugendzeit , die Trennung vom Elternhaus ( Cog . 88 ) und den unvermeidlichen Bruch mit der Geliebten . Noch schwerer mag er in den letzten jahren den Verlust des Freundes und des Kindes empfunden haben . 
2 Das Tiefste und Ergreifendste hielt ich mich nicht für berechtigt , ins Licht der Oeffentlichkeit zu ziehn ; man würde damit zu schwer gegen Rohde's Empfinden sündigen . Rohde könnte freilich dabei nur gewinnen . 
3 Vgl . oben S . 51 . 166 . Es ist sehr bezeichnend , dass Rohde nicht gern pathetisch sprach , oder gar declamirte ; solche Stimmung behielt er lieber für sich . Höchstens unter vier Augen konnte man ihn einmal , etwa Verse von Nietzsche , recitiren hören . Dagegen liess er sein wundervolles Talent für Mimik und Komik gern spielen ; man schmeckt das selbst aus seinem Briefstil heraus , wenn er dialektische Formen und Redensarten anwendet und sich plötzlich in einen 'Sächser' oder 'Schwoben' verwandelt . In Kiel
	        
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