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Anhang .
Zwiespalt gestellt , bald vom wehenden Hauch der grossen geisterung erhoben , dann wieder in sein individuelles Empfinden zurücksinkend , endlich , seinem Einzelglück verzweifelnd gend , willig zum All - Einen heimkehrend : das ist der Stoff der wahren Tragödie . — Die erkennbarste , ergreifendste Tragik ist daher das Liebesstreben , das den Einzelnen zur höchsten Erfüllung des Weltwillens treibt , sein eignes sichres Glück aber dabei achtlos , ja höhnisch zertritt . Daher denn nicht nur so sehr viel Dramen das Liebesstreben zur Grundlage haben , dern das griechische Drama seinen Ausgang durchaus in dieser schwellenden Liebessehnsucht hat , der gross und tief ge - fassten Liebessehnsucht der ganzen Natur im Frühjahr , deren Verkörperung dann Dionysos ist . In diesem Sinn ist die benste , die Griechen fast üb ergriechende Tragödie K 1 e i s t's Penthesilea .
Zu andern , das Individuum erdrückenden Zweckaufgaben des Gesammtwillens gehört offenbar ein G1 a u b e an bestimmte , sittlich begründete Zwecke des Ganzen ( während die durch die Liebe bezweckte Propagation noch keinen andern Zweck des Gesammtwillens andeutet , als den der blossen Existenz ) . Daher denn solche Dramen zu irgend einer mythologischen Voraussetzung gerne greifen : als welcher wir uns leichter und lieber ergeben , als einer mit der Prätension reiner scher Erkennbarkeit auftretenden . Treffliche Beispiele für diese Art sind der Hamlet und Schillers gar nicht hinreichend zu preis sende Jungfrau von Orleans .
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Die tragische Ironie besteht darin , dass der tragische Charakter seine persönlichen , glücksuchenden Bestrebungen zu betreiben meint , wo er vielmehr , blind und eifrig , den sichten des Gesammtwillens dient , denen er und sein Einzelglück erliegen wird . Auch hier ist die Liebe das klarste Beispiel : tragische Ironie ist es , wenn der Wille dem Liebenden in der Befriedigung seiner Sehnsucht ein persönliches , unendliches Glück vorspiegelt , da doch diese Befriedigung nur den Zwecken des Willens gilt . — Den Ausdruck Ironie wendet man darum send an , weil es eine seltsame , aber leicht sich einschleichende Vorstellung ist , dass der Wille , wenn er uns zur Befriedigung