Cogitata 1870 . 71 .
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der Dankbarkeit , der staunenden Verehrung gegenüber dem ni u s zu entsclilagen , wenn sie ihn nicht länger secretiren , igno - riren , fortverläumden , 'widerlegen' , 'vernichten' kann : er wird 'historisch deducir t' , besser noch 'historisch st ruirt' . Damit ist dann alles in Ordnung und besagter nius kann dann ruhig reponirt werden . Mir schwant's , als ob diese herrliche Zeit nächstens auch für Schopenhauer und ner gekommen wäre .
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Wagner ist der Michel Angelo der deutschen sik : ein Riese an Haupt und Gliedern , ein Titane an Kraft und Vermögen ; in seiner Vollendung als Individuum vollgerechtfertigt , unbestreitbar , aber ein wahres 'Individuum' , streng gegen Andre abgeschlossen , das subjectivste aller Kunstwesen . Wenn daher solchem ganz besonders gearteten Riesen die kleinen eifern wollen , giebt's ein sonderbares Schauspiel : sie platzen , wie der Frosch in der Fabel . Und doch reizen gerade solche heroische Eigenthümlichkeiten am allerstärksten zu solch hängnisvoller Nachahmung !
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Das Classische , im Gegensatz zum Romantischen , möchte wohl eigentlich darin bestehn , dass der 'classische' Künstler mit ungefärbtem , reinen Sonnenauge die Dinge sieht , wie sie sind , d . h . wie sie , aus den reinen , ursprünglichen dingungen menschlicher Anschauungsnothwendigkeit und den dieser zum Stoff ihrer künstlerischen Thätigkeit gegebenen dingungen ( a posteriori ) sich zusammensetzen : während der mantiker alle Aussenwelt erst in dem Spiegelbild seines lich gefärbten eignen 'Gemüthes' zu erkennen und auffassend zustellen vermag . . . Die vielen Personen , in die er — in seinen Werken — sein reiches Wesen zersetzt , sind doch im Grunde nur das vielfach gebrochene Licht seines eignen Herzens und Sinnes . Eigentlich nur vertragen wir Modernen — richtiger : interessiren uns nur solche 'subjectiv' gefärbte Bilder des Abglanzes der Welt . Schon die Alexandriner mögen in diesem Sinne romantisch genannt werden . Ein Grund übrigens , diese
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