Full text: Erwin Rohde

Cogitata 1871 . 72 . 
229 
18721 . 
26 . 
Man empfindet erst das Grosse , das in dem Spruche des Sokrates vom Nichtwissen , vom Wissen des wissens liegt , wenn man sieht , wie schwer es ist , unsern na - turwissenschaftelnden Welterklärern zum Bewusstseyn zu bringen , dass wir , nach Reducirung der complicirtesten Erscheinungen auf die einfachsten 'Kräfte' , ja auf die 'Kraft' , den 'Stoff' an sich , noch immer vom Wesen der Welt eigentlich nichts verstanden haben . Jene meinen damit dann das letzte Räthsel gelöst zu haben ! Nun bringe Einer aber das phische Daöfxa diesen Seltsamen bei , denen , ihrem Instincte nach , eigentlich alles 'selbstverständlich' ist ! 
27 . 
Das Porträt , als Kunstleistung , ist vielleicht die höchste Schöpfung der bildenden Kunst : es hat die schwierigste Aufgabe , eine Idee des Individuums darzustellen , also eigentlich einen Widerspruch in sich . Der Porträtbildner soll in Einem Abbilde , nicht eine momentane Darstellung des empirischen Charakters , sondern einen Abglanz des intelligiblen Charakters vor des Beschauers Augen stellen . Welche Feinheit der Beobachtung , welche geniale Divination erfordert es , weder ins idealische , noch in die Fixirung des Augenblicks zu gerathen , sondern z . B . denjenigen ( mit Lichtenberg zu reden ) p ath o mi sehen Ausdruck des Darzustellenden aufzufassen , ja aus tausend Momenten zu combiniren , der eben diesen intelli - gibeln Charakter am reinsten und intensivsten zur Anschauung bringt . Sähen wir nicht dieses Wunder in herrlichen Porträts von Tizian's , Van Dyk's , Rubens' , Raphael's Hand ( viel weniger gehören Bilder von Holbein , Dürer etc . hierher , oder ältere Italiäner ) , wir würden diesen unglaublichen Vorgang für lich halten ; und doch empfinden wir , im Gedanken an solche Meisterwerke , die Kraft solcher Genialität vor der glücklichsten Photographie , die immer ein Au ge nbli ck sb il d bleibt . — Liegt nicht hier ein Schlüssel zu der verborgnen Aufgabe der 
1 Das folgende scheint sieh nach Tinte und Schrift vom gehenden etwas abzuheben und an den nächsten datirten Aphorismus anzuschliessen .
	        
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