Cogitata 1873 .
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gelten die sonst unerschütterlich gültigen Gesetze dieser wärtigen Sittenordnung nicht : aber , bei praktischer Befolgung solcher Lehren ist die Gefahr der falschen Auswahl solcher 'Heiligen' unendlich gross : wir sollen wohl den seligen Zustand höchster , schuldreiner Freiheit nur im verklärenden , für Momente uns hoch erhebenden Bilde schauen !
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„ Das unterscheidet Götter von Menschen , dass viele Wellen vor jenen wandeln ; uns hebt die Welle , verschlingt die Welle , und wir versinken . " Unübertrefflich ! Aber auch uns Armen hebt , in glücklichsten Stunden , im Genüsse seiner Kunstwerke , der Genius ( der künstlerische wie der philosophische ) mit feurigen Armen aus dem ewigen Meere empor : dann sehen wir , selig unbewegt , das herrliche Schauspiel dieses Wellenspieles , von Noth und Angst befreit , , vor uns wandeln " : in solchen Momenten sind wir , wie die Götter ! Und solche höchste Wohl - thäter sollten wir nicht heroisch verehren ? ! . . .
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Es ist mir , bei der Leetüre von H . Dixons New America und'Seelenbräute' aufgefallen , wie unmöglich es sei , solche , wie es scheint im menschlichen Wesen tief wurzelnden Triebe , die namentlich im Shakerthum sich zeigen , aus irgend einem Deismus , überhaupt anders als aus einem entschiedenen mus zu erklären . Man beachte die abscheuliche Unklarheit und Oberflächlichkeit in der Darstellung des natürlich rein theistischen Engländers ! Januar 73 1 .
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Ein Grund für die lange Beibehaltung überlieferter Stoffe in der Dichtung der Griechen und mittelalterlichen Völker , der Scheu vor Einführung selbst erfundner Stoffe lag wohl in der ( unbewussten ) Empfindung , dass eine selbst schaffene Geschichte , vornehmlich wenn sie , wie die meisten
1 Das Datum hat Rohde mit Bleistift später nachgetragen ; er muss auf die Notiz und ihre Formulirung Werth gelegt haben .
2 Das Folgende auf anderm Papier , mit andrer Tinte und Schrift .