Cogitata 1874 .
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man , class wir nichts wissen können " , und die Religion gewinnt neue Kraft und neuen Muth .
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Was es mit der Philologie , seit sie sich wirklichen Cultur - absichten stolz entfremdet hat , eigentlich noch auf sich habe , zeigt wohl nichts deutlicher , als der Umstand , dass für viele Philologen , ja für eine Anzahl der gescheutesten darunter ( z . B . Bentley , Madvig , Cobet etc . ) die Schriften der Alten gar kein Interesse haben würden , wenn sie zufällig ganz ohne Fehler überliefert wären ; eigentlich also interessiren diese Leute die Versehen und Fälschungen der Abschreiber ( und ihr eigner , an deren Aufdeckung arbeitender Scharfsinn ) , aber nicht die Alten selbst .
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Bilder von Gabriel Max . Sehr belehrend der Beifall , chen sie finden . Das rein Malerische daran kann Niemand wärmen : sie reizen durch das Rebusartige ihrer lung , welches den Scharfsinn , ein äusserliches Combinationsver - mögen , in Bewegung setzt , den Leuten , die vor dem reinsten Kunstwerk gähnend stehen würden , den Trost verschafft , sich productiv zu wähnen , indem sie sich von dem rein schen möglichst entfernen . Eigentlich ist das der Standpunkt der allerprimitivsten Kunstübung .
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'Nachahmung der Natur' in der Kunst wäre eine schöne Sache : wenn man sich nur etwas bestimmtes dabei denken könnte . Was man 'Natur' nennt , ist ein Product eines ob - jectiven Factors ( der äusseren Dinge ) und des subjectiven trachters . Im Kopf eines Ruisdael , Claude Lorrain , Tiziano ist dieselbe 'Natur' etwas ganz Andres als im Kopf eines Spiess - biirgers , in welchem sich die Welt spiegelt wie in der Rundung eines Löffels , verzerrt und aufgeblasen . Man könnte auch sagen : die 'Natur' ist wie ein Musikinstrument ; freilich kommt es auf ihren edleren Bau an , dass der Ton ein voller und warmer werde ; aber sie erklingt nur in der Hand des begabten und begeisterten
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