Cogitata 1878 .
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sie Gedanken , die sich einem klugen Verstände aus einfachster Betrachtung ergeben , bei Seite gelassen hätten , um in tiefere Abgründe sich hinunter zu wühlen . Vielmehr was sie sagen ist wirklich für uns oft 'trivial' : was sie auszeichnet , ist , dass sie diese , nun trivial gewordenen Sätze mit einer uns längst abhanden gekommenen Innigkeit und Fülle des Sinnes empfanden . Das macht , sie hatten diese Gedanken erst gefunden . 23 . 12 . 77 .
1878 .
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! ) 0 .
Einer der ärgsten Mängel der deutschen Sprache ist , dass I p o ) ç und à y á iz r¡ mit dem Einen Namen 'Liebe' bezeichnet werden . Daher rühren so viele Missdeutungen und verkehrte Schätzungen der Liebe = ipwç : daher sogar die seltsamen , deutsch - sentimentalen Selbsttäuschungen über die Natur des èpamxòv Ttá & o . '1 . Leicht ist zu ermessen , wie wichtig für Cultur und Litteratur der Deutschen diese Täuschungen den sind . Hier sieht man eben die Wichtigkeit der W orte .
11 . Mai 78 .
91 .
Die Musi k hat keinerlei sittlichen Inhalt : es ist reine Illusion , wenn grosse Musiker , wie Wagner , sich einbilden , aus der Musik eine eigne , tiefere Art der sittlichen Empfindung hervorgehen lassen , wohl gar auf Musik eine Art von Religion gründen zu können . Man könnte einwenden : die Musik drückt ja doch durchweg Regungen des Gemüt h s aus ! Gewiss . Aber nur solche Regungen , die in den Bereich des Sittlichen nicht hinaufgestiegen sind : nur Empfindungen der Lust und Unlust in allen erdenklichen Schattirungen . Das Sittliche ( und Unsittliche ) entsteht aber erst , wenn jene Regungen und Empfindungen durch das Bewusstsein , ja durch die Reflexion geleitet und geregelt werden . Diese Verbindung des Triebes und der Reflexion vermag die Musik nun
1 Man vergleiche Schopenhauer I , IV § 67 S . 444 über amor und caritas .