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Beilagen und , Nachträge .
2 . »Rom , den 2 . Mai 18691 . . . Ich bin jetzt gerade 14 Tage hier : welche Zeit eben ausreicht , sich in den Hauptsachen zu orien - tiren . . . Goethe , glaub' ich , ist es , der ganz trefflich sagt , dass nirgends strengere Arbeit erfordert werde , als in Rom : mir stens macht diese Fülle des Aufzunehmenden zunächst eine Art von Angst , und wird so lange Beschämung machen , als man nicht durch strenges Studium zu einem sachlichen Verständnis gelangt ist . Nichts nämlich ist irrthümlicher , als die Voraussetzung , dass die Mehrzahl der hier verstreuten Trümmer ohne Weiteres einen ästhetisch quicklichen Eindruck machen werde . . . Ueberhaupt aber ist es sicher , dass zum vollen , die ganze Persönlichkeit ergreifenden Ge - nuss eines plastischen Kunstwerks unendlich viel mehr , hierauf speciell gerichteter , Bildung gehört , als zum innigsten Aufgehen im Anschauen andrer Schönheit . . . So dürste ich nach der Zeit , wo ich , durch strengere Vorbereitung geweiht , in die Mysterien nerischer Schönheit einzudringen würdig sein werde . Einstweilen sehne ich mich , zuweilen ganz körperlich , nach dem , für mich loseren Genuss erquickender Musik : aber seltsam zu sagen , hier im Laude der Töne , ist eine für ernsteren Sinn erquickliche Musik ganz unerreichbar . Man tritt in die Riesenhallen von St . Peter ; aus irgend einer entfernten Kapelle tönt leises Singen herüber ; nun geht man näher . . . : ach , welche Seligkeit , im Dämmerlicht dieser hohen Wölbungen auf den Wogen der Musik dem Land der Träume entgegenzuschaukeln ! Kommt man aber näher , so hört man . . . eine Musik ganz wie die , wozu man bei uns Savoyardenjungen mit ihrem Dudelsack tanzen sieht ! — . . . Was hier eigentlich die Schönheit der Landschaft macht , das ist das Licht , in tausend Abstufungen von strahlendem Gold bis zum dunkeln Blau . Kürzlich hatten wir auf der Villa Ludovisi einen Sonnenuntergang , der an Pracht . . alles bisher Gesehene übertraf . Voran der herrliche Garten ; aus dem jungen hellen Laube ragten die schwarzen riesigen Cypressen ; und dahinter das blühende Land , vom rothgoldnen Licht der den Strahlen umsponnen ; am Horizont die dunkelblauen berge mit blinkenden Städtchen , und darüber die krystallene pel des reinsten Himmels . . . Nun sinkt die Sonne , und im Osten verbreitet sich alsbald ein eigen trauriges blaugraues Licht , während der westliche Himmel noch . . . im trunknen rothen Golde schwimmt . Ich weiss nicht , warum das Anschauen solcher Schönheit mir die besten Momente des Daseins giebt . . . Damit für heute ade , liebste Mutter , lass mich bald hören , dass du mich lieb hast . Ich denke viel an euch . . . «2
5 . »Rom , Dienstag d . 23 . Juni 69 . . . Mit Schluss der Woche wird die Vaticanische Bibliothek geschlossen : dann warte ich nur noch Peter und Paul , am 29 . , ab , um die Erleuchtung der
1 R . wohnte »Via delle tre canelle , N . 158 , 2 " piano . . . zwischen Trajansplatz und piazza dei SS . Apostoli , gegenüber dem Palazzo Valeii - tineili« .
- Br . 3 . 4 bringt sehr ausführliche Beschreibungen der Fahrten mit Wolfgang Hf . lbig , woraus sich kaum etwas Einzelnes herausheben lässt .