Full text: Erwin Rohde

Zu S . 33 f . 
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teresse gewonnen , als ich mir selbst es eigentlich zugetraut hätte : ich fühle überhaupt täglich , dass Verständnis für die Plastik erlernt werden kann , was für die Musik z . B . entweder nicht möglich oder nicht nöthig ist . . . Als Dilthey fort war , vegetirte ich noch einige Tage in Neapel solo herum : dann kam mein Freund Matz aus chenland zurück , noch halb seekrank , und schleunigst zogen wir zusammen nach Sorrent hinaus . Hier fand ich dann , im stärksten Gegensatz zu dem spektakulösen Neapel , eine fast klösterliche Ruhe , und auch sonst , im albergo di Roma , erträgliche Unterkunft ; aber an Stelle des äussern Spektakels trat ein viel gräulicherer innerer . . . die sciolta bannte ich durch Opiumtrinken , habe aber vermuth - lich des Guten etwas zu viel gethan : wenigstens ist mein Magen seitdem noch immer nicht in Ordnung . Um nun schliesslich durch Luftveränderung mich etwas zu verbessern , fasste ich den Gedanken , ein Bischen nach Sicilien zu gehen . . . Am Sonnabend Abend ging ich dann an Bord des Corriere Siciliano , sass noch eine Zeit lang oben und dachte bei dem wunderklaren Sternenhimmel an dies und das , Freundschaft und Liebe . . . Am andern Tage gegen Mittag sahen wir die herrliche weite Bucht von Palermo vor uns auftauchen . . . Da an diesem Tage . . . nichts mehr anzufangen war , so streifte ich nur durch die Gassen und nahm den Gesammt - eindruck der Stadt auf . An diesem ruhigen Sonntagnachmittag machten die Häuser in ihrem gelblichen Ton , von der gemilderten Sonne beschienen , einen überaus freundlichen , behaglichen Eindruck . Dazu vor jedem Fenster ein Balkon , durch dessen Stäbe irgend eine grüne Ranke sich schlang : so machte das Ganze das freundlichste Bild : behaglich , wie gesagt , und das will fast sagen unitaliänisch : denn allerlei andre Vorzüge mögen die Italiäner ja vielleicht besitzen , aber was wohl eigentlich Behaglichkeit sei , scheint ihnen noch mand beigebracht zu haben . . . Durch die Strassen zogen weise Jungens , mit furchtbarem Gekreisch . . . , eine Marienpuppe aus Wachs auf einer Bahre herumschleppend : nach einem Bilde , das sie austheilten , zu schliessen , war die Edle am Jahrestage zum mel gefahren . Sonst sass Alles friedlich vor den Hausthiiren , ohne das übliche Brüllen , womit hier Jeder jede beliebige Thätigkeit begleitet . Nach dem Mittagessen . . ging ich auf die Promenade , den herrlichen Strandgang . . . Das ist die prächtigste passeggiata , die ich noch gesehen habe . . . Wenn man so in einer der runden Ausbuchten der am Meere entlang laufenden Mauer sass , und über das leise brandende Wasser hinweg diesen Kranz zackiger , heller und tiefer gefärbter Berge , rings um die hochragende Stadt , sah , dazu die heitre Menschenmenge , Musik und der kühlende wind , so empfand man wohl aufs Klarste , dies sei so ein Bild von den wenigen , die bestimmt seien , ein ferneres , farbloseres Leben mit dem Glanz der Erinnerung zu erhellen . — Sonst ist an der Stadt selbst der Gesammteindruck , der entschieden schon dem Orient sich nähernde , buntfarbige , in grellem Spiel von Licht und Schatten das Auge vergnügende malerische Charakter , die Hauptsache : eine grosse , uns geistig unendlich fremde und darum besonders interessante Cultur , die maurisch - normannische , hat der Stadt im
	        
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