Full text: Erwin Rohde

Zu S . 33 f . 
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verborgne Grösse und Lieblichkeit aufgeschlossen : ich fühle , dass ich , wenn nach etwas , nach gar manchem der hiesigen Bilder sucht wie nach einem guten und getreuen Freunde empfinden werde , wenn ich fern bin . Sonst ist doch jeder Mensch so einsam , einsam ! Hier habe ich ziemlich viel Leute kennen gelernt : davon etwas zu haben , ausser Täuschung müssiger Stunden , muss man eben nicht erwarten . Auf der Rückreise gehe ich auf einige Wochen zu Nietzsche , der meiner ebenso bedarf , wie ich seiner : und das wird fast das Beste der ganzen Reise sein . . . Von Kiel kriegte ich neulich die angenehme Nachricht , dass ich , meinem erworbenen Rechte gemäss , ohne alles Weitere Michaelis 70 anfangen könne zu lesen . Zugleich einen sehr freundlichen Brief von Ribbeck , mit dem zusammen zu leben ich mich freue . . . « 
18 . »Venedig , 17 . April 70 . . . Am Behaglichsten ist es lich , wenn Velsen und ich alleine , ohne den dann doch vorhandenen Zwang des anständigsitzens und Vernünftigredens , ohne Familie Brinckmann uns in so einer weichgepolsterten Gondel ein paar Stunden lang schaukeln und uns vom köstlichen Frühlingslicht spielen lassen können : wie wir denn gestern vier Stunden so herum gefaullenzt haben . Ach , der göttlichen Faulheit ! Fast meine ich , dass F . Schlegel Recht hat , der Faulheit neben Venus und Minerva einen Altar zu errichten : so im grünen Wasser liegen , und nur ganz langsam denken und reden , und gedankenfrei die köstlichen Bilder ringsum einsaugen , etwa Murano , wie es im dunkelblauen Nachmittagslicht aus der Fluth steigt , im weiten Kreis vom Wasser umzogen , und ganz hinten der lange Zug phantastischer weisser Alpen : die Empfindungen eines Katers , der sich auf dem Dache sonnt und an keinen Mausefang und Vogelraub denkt , sondern an gar nichts , können nicht behaglicher sein . . . Morgen geht dann hibliotheca wieder los : ich quäle mich mit dem berühmten Iliasco - dex : den ich nur ganz zu vergleichen wünschte . . . « 
19 . »Venedig , 25 . April 70 . . . Eins fühle ich doch immer wieder in Momenten des Alleinseins mit meiner lieben Seele : es ist recht Schade , in diesen Jugendjahren für das Herz keine Nahrung zu finden . . . „ Was bleibt mir nun , als eingehüllt , von holder Lebenskraft erfüllt , in stiller Gegenwart die Zukunft zu erwarten ? " sagt Goethe ó tkxvu , von sich freilich , mit dem sich zu vergleichen , auch nur von ferne , Frevel ist . . . . « 
21 . »Mailand , 20 . Mai 70 . . . . Am vorigen Sonnabend brach ich , in Gesellschaft des Dr . Velsen und Brinckmann's , von Venedig auf : den Nachmittag brachten wir in Padua zu , wo ich meine alten Lieblinge , die Fresken des grossen Giotto und seiner Schüler , und die des Mantegna mit erneutem Genuss betrachtete und an der lichen , von grünen Gärten umgebenen und durchzogenen Stadt nach all dem Grau der venetianischen Paläste und Baracken mein Auge vergnügte . . . Am Sonntag besahen wir dann . . . die alten lichkeiten Veronas . . . Wohin man blickt in diesem herrlichen Italien der Renaissance , überall neue Schaaren hochbegabter und zum Ganzen und Vollen mit Energie strebenden Männer : wahrlich eine Zeit , die wir in unsrer künstlerischen Dürftigkeit nur staunend
	        
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