Full text: Erwin Rohde

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Leben in Kiel . 
[ N . 8 XII 72 ] . Ich habe die Abfertigung wahrhaftig nicht d'un coeur léger unternommen , sondern ich wusste und weiss genau , dass der einzige Erfolg der sein wird , dass auch ich in das schwarze Buch eingetragen werde , wo die heillos Verrückten stehn , die sich von der herrlichen 'Jetztzeit' nicht aufklären lassen wollen . . . Ich weiss ganz gut , dass meiner 'Carrière' selbst ein Feind kein schlimmeres Hemmnis bereiten kann , als ich selbst mit dieser Parteinahme für Nietzsche . . . Und doch konnte ich nicht anders : ich konnte es nicht stillschweigend ansehen , wie mein Freund , den ich liebe , dessen Wesen ich mit dem Verständnis des Herzens durch und durch verstehe , von seinen Fachgenossen , wie ein Verbrecher , mit scheuem schweigen bestraft und . . mit Koth beworfen wurde . [ R . ] 
Die nächsten Jahre schienen Rohde Recht zu geben . Bei wiederholtem Personenwechsel auf der Kieler akademischen Bühne , bei der Fortberufung von Ribbeck und Wilmanns , wurde Rohde's Stellung nicht gehoben , obgleich Us inger und Gutschmid ( der seine Bedeutung voll erkannte ) energisch für ihn eintraten ; auch sonst erzählen seine Briefe von verpassten Gelegenheiten und verschlossnen Aussichten ' . Er empfand das , nicht ohne Grund , als Zurücksetzung und »Verfehmung« , und sah sich schon als »professor extraordinarius perpetuus« in Kiel versauern . Zudem war es ihm nicht gelungen mit Wilmanns , bei aller Anerkennung »seiner moralischen licatesse und Tüchtigkeit , in ein irgend wie vertrautes hältnis zu kommen . « Neue Collegen lernte er genug kennen »in dieser Durchgangsstation , wo wie in einem Stundenglas unten der Sand abrieselt und oben zu , und so fort ohne zuhören . [ R . ] Einzelne leuchteten ihm auch schon ein , z . B . der 1873 neu berufene Schieren , »ein energischer , durchaus mehr weltmännisch freier , als stuben - und cliquenseliger Professor Germanicus [ R . ] oder der Sanskritforscher R . PisCHEL , der » nosse seiner Nachmittagsspaziergänge und Berather in Indicis« . 
1 So sei er für Freiburg an erster Stelle in Aussieht genommen wesen , aber schon jene Anzeige in der N . A . Z . habe ihn als unmöglich erscheinen lassen . »Es kam mir vor , als ob diese Geschichte mir von dem guten , fischkalten Gutschmid durchaus „ im Auftrag " [ Ritschl's ] als avis erzählt werde . Sie zeigt jedenfalls sehr klar , wie es nun kommen wird« [ N . 14 XI 72 ] . Vgl . auch den Antwortbrief Ribbecks [ 18 XI 72 ] Nr . 194 .
	        
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