Full text: Erwin Rohde

Abschied von Nietzsche . Bildungsideal . 
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gehörten , nicht zu einer kurzen Berührung , von der man wenig im Grunde hat , sondern zu dauernder keit 1 : ich kann das Gefühl nicht ausdrücken , mit dem ich stets den Adel seiner Natur auf mich wirken fühle , und eine ganz besondere Poesie , die in seiner ganzen Atmosphäre liegt . Freilich muss man ihn dazu lieben , denn er hat seine für 'Kritiker' sehr fühlbaren défauts de ses vertus< [ R . 29 IV 73 ] . 
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Wer Rohdes Briefe und Bekenntnisse übersieht , wird den Eindruck empfangen , dass die Jahre 1872 bis 1874 für ihn eine kritische Zeit gewesen sind . Seine geistige Gesammtper - sönlichkeit ist damals sozusagen ruckweise gewachsen ; aus dem zugleich befangenen und ungestümen Jüngling wird der überlegene M ann , den wir im 'Roman' sprechen hören . Er hat das selbst gefühlt , und an dieser Empfindung sich gerichtet . »Ich bin nicht hoffnungsvoll« lieisst es in einem Briefe vom 27 . Februar 1873 , »aber nicht eigentlich verstimmt , bedenke vielmehr täglich in meinem Herzen , wie glücklich im Ganzen ein Geschick zu nennen ist , das Einem in der Jugend , bei gänzlicher Hoffnungslosigkeit für die Zukunft , doch für die Gegenwart die Möglichkeit eines stillen Wachsens in dem , was von ächter Bildung unsereinem assimilirbar ist , gewährt . Dieses Gefühl stillen und steten Wachsens ist fast das Einzige , was mir , in dieser Kälte des Lebens , von Glücksemptindung übrig bleibt . . . « 
In der That , »was von ächter Bildung ihm assimilirbar war« , hat er damals wie mit tiefern AthemzLigen in sich genommen . Mit innerster Theilnahme vergrub er sich in die Brief - und Memoirenlitteratur bis herunter zu Yarnhagen und Rabel ; es ist das Geheimnis der Persönlichkeit , dem er in seiner Weise nahezukommen sucht , nicht sowohl mit dem Secirmesser des 'müssiggehenden Psychologen' , als durch ein sympathisches Mitempfinden und künstlerisches Schauen . »Kürz - lich fiel mir Yarnhagens Galerie von Bildnissen aus Rah eis 
1 Derselbe Gedanke beherrscht noch Jahre lang die Briefe an N . , z . B . 10 V 74 . Im August 1873 notirt Rohde auf einem Tagebuchblatt , er habe beim Erwachen in der Nacht »wie auf einen tiefen Meeresgrund auf den wahrsten Grund des Charakters seines lieben Freundes N . « gesehn . 
Crusius , E . Rohde . 5
	        
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