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Historie und Kritik .
wasser leben könnte ! . . . Hiergegen auf christlichem Gebiete zu protestiren , ist gewiss ebenso verdienstvoll , als auf dem Gebiete der sonstigen Bildungsphilisterei . . . [ 0 . 2 IX 73 ] .
Völlig unverkennbar ist bei all diesen Aeusserungen die Gleichheit der Gedankenstimmung zwischen Rolide und sche . Die 'Unzeitgemässen Betrachtungen' hat Rohde , in stetem Briefwechsel mit dem Freunde , geradezu mit durchlebt1 . Den tiefsten Eindruck hinterliess ihm das zweite Stück 'vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben . ' »Spätere Zeiten« meint er , »werden es zu bewundern haben , mit cher entschiedenen Klarheit , mitten im Fieber , die Symptome einer Kran k li e i t erkannt sind , die man sonst wohl gar für das Roth der Gesundheit hält , und die unsrer ganzen Art ihr wesentliches , nie dagewesenes Gepräge geben : eine mähliche Fortspülung aller Naivität2 . Der gere Ton der Schrift sei zu preisen ; denn man habe hier mehr zu beklagen , als zu verurtheilen : »wir stehen alle selbst mitten in dem Uebel« . Mit solchen Gedanken über Historie müsse ja eigentlich jeder rechte classische und eigentlich auch jeder germanische Philolog3 von vornherein einverstanden sein , »sie müssten ihm z . B . den unsinnigen Widerspruch aufdecken , der darin liegt , die classische Philologie zu einer 'rein rischen' Wissenschaft im modernsten Sinne zu degradiren — was sie ursprünglich gar nicht war und sein wollte — , und
1 Rohde hat nicht nur die Druckbogen gelesen und corrigirt , dern auch sonst bis in's Einzelnste hinunter fragend und kritisirend seine Theilnahme bekundet . Vgl . E . Förster Bd . II S . 139 . Cog . 47 .
2 Rohde hat Nietzsche's Schrift brieflich [ 24 III 74 ] sehr fein cha - rakterisirt und auch kritisirt . Die Gedankenführung war ihm vielfach zu sprunghaft ; Nietzsche überlasse es dem Leser mehr als billig , die Brücken zwischen seinen Gedanken und Sätzen zu finden , - wie das auch Wagner fast in allen seinen Schriften ( ausser im 'Dirigiren' und im 'Juden - thum' ) so gehe . Auch über das eigentlich Stilistische macht er feine merkungen , so über das von N . zu weit getriebene »Durchfugiren licher Bilder« , vgl . S . 73' .
3 Ich erinnere mich eines Gesprächs mit Fb . Zarncke ( Anfang der achtziger Jahre ) , in dem er die Berechtigung dieser Gedanken wunden anerkannte ; ähnlich äusserte sich einmal mein alter Lehrer R . Hildebrand . — Der Frieden mit Zarncke wurde trotz seiner ablehnenden Haltung gegen die 'Geburt der Tragödie' bald wieder hergestellt . Noch bei seinem letzten Aufenthalt in Leipzig war Nietzsche bei Zarncke ; der Zufall hatte mich um dieselbe Zeit zu Z . geführt .