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Gottfried Keller .
kennen zu lernen1 ; er bleibt ein unvergleichlicher Kopf , dem es nur an Stärke der Hoffnung und , vielleicht muss man leider so sagen , an Fähigkeit einer lebenernährenden Illusion gefehlt hat in jüngeren Jahren . « Wie treffend hier eine Eigenthüm - lichkeit in Burckhardts geistiger Organisation bezeichnet ist , die man je nach seinem Standpunkt als Mangel oder Vorzug ansehn wird , können wir erst jetzt recht ermessen , seitdem wir seine 'griechische Kulturgeschichte' kennen gelernt haben .
Auch für seine schriftstellerische Kunst fand Rohde damals — als ob alle grossen neuen Eindrücke aus der Schweiz kommen sollten — einen neuen Lehrmeister in Gottfried Keller2 . Schon 1871 tauchen Anspielungen an die 'Leute von Seldwyl' in den Briefen auf , vor Allem an die novelle R . Wagner's3 , die 'drei gerechten Kammacher' . Wer mit gleicher Empfänglichkeit den grossen italiänischen listen , wie Jean Paul4 gelauscht hatte , der musste allerdings an diesem neuen und höhern Stil seine helle Freude haben . In den Osterferien 1873 bekennt Rohde , er habe »etwa acht Tage über dem grünen Heinrich verdämmert« [ R . ] ; kurz auf ging er auf Keller's Spuren in Zürich und hat mit ihm wohl auch eine flüchtige persönliche Begegnung gehabt . Man meint etwas von der „ confessionellen Herbigkeit " des alten grünen Heinrich zu schmecken , wenn man die Aufzeichnungen und Briefe Rohde's aus diesen Jahren liesst — grüblerische Selbstbekenntnisse , durchaus unmittelbar und persönlich , aber
1 Sie sind , abgedruckt bei E . Förster - N . II S . 142 . Bei den Worten „ Vor Allem ist mein armer Kopf " u . s . w . wird man einen leisen klang von Ironie nicht verkennen . Wenn Burckhardt aber als Ziel ner historischen Lehrthätigkeit bezeichnet , den Wunsch und die Ueber - zeugung zu wecken , 'man könne und dürfe sich dasjenige Vergangene , welches Jedem individuell zusagt , selbständig zu eigen machen , und es könne hierin etwas Beglückendes liegen' : so schreibt er aus derselben Tonart , wie seine jungen Collegen Nietzsche und Rohde .
2 Frühere Aufzeichnungen erinnern gelegentlich an die Manier Les - SINGs s . oben S . 26 .
3 Vgl . J . Baechtold , G . Keller's Leben II S . 308 . Ein Beleg oben S . 511 .
4 Rohde gehört zu den Wenigen , denen es in unsern Tagen gelang , zu Jean Paul in ein wirkliches Verhältnis zu kommen . Den Titan schätzte er sehr ( vgl . z . B . Cog . Nr . 46 ) , aber auch Wendungen und Gestalten aus dem Hesperus und dem Siebenkäs tauchen unwillkürlich beim ben vor ihm auf . Vgl . auch unten Kap . X .