Full text: Erwin Rohde

Aussichten nach Dorpat . 
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zurück , und noch in Hamburg ergriff ihn der Geist« , dass er das schwierige zweite Buch so ziemlich abrundete . In Kiel begann dann die Ausarbeitung des dritten Abschnitts ; rend der Nebelmonate des beginnenden Wintersemesters fühlte er sich »in seinen Roman eingehüllt , wie in eine goldne Wolke« . Als »Stimmungshebel« rühmt er — der wie jener Auch Einer Fr . Vischers durch kleine Verdriesslichkeiten schwer verstimmt werden konnte — immer wieder dankbar die grosse lichkeit seiner neuen Wohnung , lässt aber mehr als einmal , durchblicken , dass ihn im Innersten ganz andre Wünsche und Hoffnungen bewegen , deren er nur mit einem gewissen dega - girten Humor Herr zu werden vermag' . Auch bleiben , bei der äussersten Anspannung , gelegentliche Rückschläge nicht aus ; er verliere das Gefühl nicht , schreibt er einmal , dass man mit solchen Beschäftigungen eigentlich nur dem qualvollen Bewusstsein entfliehen will , dass man im wirklichen Sinne des Wortes gar nicht lebt . Doch bin ich zufrieden , wenn und solange dieses Entfliehen mir eben gelingt« [ R . 25 XI 74 ] . 
Aber mehr und mehr verschwanden auch diese letzten Wolken von seinem innern Horizont , zumal sich mancherlei Zeichen einstellten , die ihm bewiesen , dass er die Lage zu schwarz angesehn hatte , und dass in deutschen akademischen Kreisen der 'Bildungsphilister' doch nicht allmächtig war . Die schönen , wahrhaft weisen ( nicht nur klugen« ) Worte Friedrich Kitschls2 , die in der Nietzschebiographie II 66 zu lesen sind , thaten auch bei ihm in der Stille ihre Wirkung . Und er brauchte nicht einmal zu warten , bis 'das Buch' schienen sei ( worauf ihn Ribbeck vertröstet ) , um sich zu zeugen , dass er »über die Machtsphäre von Peter Wilhelm [ Forchhammer ] hinauswachse« . Im Frühjahr 1875 kam eine 
1 »Unter diesen Umständen — quae cum ita sint — sehe ich gierig nach der Millionenbraut aus , die mir wohlpräparirt in's Maul fliegen und mich unabhängig machen soll . Aber bald zeigt sich die Braut , bald die Million , aber nie beide zusammen . 'Wie selten ist es , dass die schen finden , was ihnen doch bestimmt gewesen schien'« [ R . 26 V 74J . Aehnlich , nur mit noch viel derberem Humor , an Nietzsche 17 VI 74 . Sehr charakteristisch ist der Schluss eines Briefes 13 XII 74 , [ der ganz offenbar y . at' àvTÌ^paaiv aufzufassen ist . Dass das Alles nur Maske ist , bestätigt vor Allem ein Brief an N . 27 II 75 . 
'' Vgl . Rohde an Nietzsche 9 I 72 , oben S . 56' .
	        
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