Full text: Erwin Rohde

Vortrag über die griechische Novelle . 
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Begabung1 . Nach seinen eignen Andeutungen hat dies Werk ihm denselben Dienst erwiesen , wie Andern ihre Dichtung . Nicht nur , dass es ihn in schweren Stunden hinüberrettete auf ein allem Tageslärm entrücktes Gebiet unpersönlichen Interesses2 : Manches , was gerade in jenen Jahren sein schwiegenes Herz bewegte , konnte er bei der Arbeit aus sich heraus setzen und beseelend hinüberströmen lassen in den schichtlichen Stoff , vor allem jener Abschnitte , wo er »die Eine Leidenschaft« in ihren litterarischen Wirkungen verfolgt , »die auch in einer ganz zersplitterten Zeit den Einzelnen — in der Wirklichkeit oder selbst nur in einer jugendlichen lung seiner Phantasie — wenigstens einmal im grauen Nebel seines Lebens die sonnige Poesie eines kurzen Frühlingstages empfinden lässt« ( S . 72 ) . In der That , während Rolule an seinem Buche über den Roman schrieb , war er selbst , fast wider AVillen , der Held eines abenteuerlichen , mit einer ben Dissonanz schliessenden Romans geworden . Es wäre nicht im Sinne Bohde's , wollten wir den Schleier von diesen sönlichen Erfahrungen herunterzerren . Es mag uns genügen , zu wissen , dass die , den geschichtlichen Text wie eine weiche , dunkle Melodie begleitende und belebende Stimmung aus ganz persönlichem Empfinden entsprungen ist . 
Ein auf den ersten Blättern angekündigter Anhang über die griechischen Novellen und Verwandtes wurde während des Druckes zurückgezogen . Rohde war zu der Einsicht gelangt , dass der wichtige Stoff ( auf den er in Einzelbeiträgen noch wiederholt zurückgekommen ist ) eine einlässlichere Behandlung erfordere . Seine Hauptergebnisse fasste er vorläufig zu einer 
1 S . oben S . 72 f . ; eine Selbstkritik Kap . IX a . E . , S . 139 * . 
2 » . . . ich habe zum Glück noch die Kraft , mich in guten Stunden in allgemeinerer Betrachtung aufzuschwingen ; und darin liegt doch die einzige Panacee gegen die Kargheit des Schicksals , das den lebhaften Wünschen mit so ärmlicher Erfüllung entgegenkommt . . . Mein 'Roman' ist in ununterbrochenem Flusse , so langsam es auch vorwärts geht bei einer Arbeit aus lauter Bruchstücken , an der man doch die Mühe nicht allzustark merken soll« [ N . 23 XII 73 ] . Pointirter sagt er später einmal : »So herbe Erfahrungen wie die meinigen treiben alle Glückshoffnung mehr in das Land . . der blossen Vorstellung hinüber . Ich glaube , dass nur auf diesem Wege eigentliche Dichter entstehen« ( Cog . 31 I 76 ) . 
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